POLITIK: Das Interview

Das Interview mit Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement Uni Duisburg-Essen, Vorsitzender des Erweiterten Bewertungsausschusses „Eine kleine Lösung braucht drei Jahre“

Dtsch Arztebl 2018; 115(5): A-183 / B-159 / C-159

Beerheide, Rebecca

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Wie könnte eine Vergütungsreform für die ambulante Medizin gelingen? Ein Gespräch über mögliche Szenarien einer Honorarreform beim Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) und der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ).

Herr Wasem, sind die beiden Honorarsysteme – EBM und GOÄ – nicht schon zu komplex, um sie zusammenzulegen?

Jürgen Wasem hat mehrere Ämter in der Gesundheitspolitik inne: Neben einer Professur für Medizinmanagement an der Uni Duisburg-Essen ist der 58-Jährige unter anderem der unparteiische Vorsitzende des Erweiterten Bewertungsausschusses, der im Streitfall die Honorare für niedergelassene Ärzte festlegt. Foto: UDE Frank Preuß
Jürgen Wasem hat mehrere Ämter in der Gesundheitspolitik inne: Neben einer Professur für Medizinmanagement an der Uni Duisburg-Essen ist der 58-Jährige unter anderem der unparteiische Vorsitzende des Erweiterten Bewertungsausschusses, der im Streitfall die Honorare für niedergelassene Ärzte festlegt. Foto: UDE Frank Preuß

Es gibt unterschiedliche Ebenen, auf denen das funktionieren könnte: Die kleinste Ebene wäre ein gemeinsames Gebührenordnungsverzeichnis. An Reformen bei der GOÄ sowie beim EBM im Facharztbereich wird ja bereits gearbeitet. Der größere Akt wäre allerdings, auch die unterschiedlichen Systeme anzugleichen, in die GOÄ und EBM eingebettet sind. Bei der GOÄ gibt es keine Budgetierung, eine Kostenerstattung sowie als Regelungsrahmen eine Rechtsverordnung. Beim EBM haben wir ein System mit Budgetierung, mit Sachleistungsprinzip und einer großen Selbstverwaltung von Ärzten und GKV-Kassen. Aus meiner Sicht wird es bei der Harmonisierung der Systeme kompliziert, wenn man mehr als nur ein gemeinsames Gebührenverzeichnis machen möchte.

Schauen wir uns drei mögliche Szenarien an: Bei Szenario eins wird die Bewertung des EBM erhöht, die GOÄ abgesenkt, sodass man sich „in der Mitte“ trifft.

Dass die GKV nun GOÄ-Preise bezahlt, würde 45 Milliarden Euro Mehrausgaben bedeuten, das wären vier Beitragspunkte mehr und damit unbezahlbar. Würde man GOÄ-Bewertungen auf GKV-Niveau absenken, würde das nach unseren Zahlen bedeuten, dass man zwischen vier und fünf Milliarden Euro aus der ärztlichen Versorgung abzieht. Auch das ist nicht darstellbar. Insofern bleibt in der Tat das Treffen in der Mitte: Die GKV-Honorare werden so angehoben und die GOÄ-Vergütungen so abgesenkt, dass insgesamt das Honorarvolumen der Ärzte erhalten bleibt. Dabei würde es aber eine massive Umverteilung innerhalb der Ärzteschaft geben. Ärzte mit vielen PKV-Versicherten würden deutlich verlieren. Deswegen wird dann sicher diskutiert werden, dass man Ausgleichsregelungen oder langfristige Konvergenzklauseln für einige Arztpraxen braucht, um das abzufedern. Das wäre sehr kompliziert und würde zusätzliches Geld kosten.

Szenario zwei ist eine gemeinsame Honorarordnung von EBM und GOÄ.

Das gemeinsame Gebührenverzeichnis wird man sicherlich hinbekommen. Das muss noch nicht einmal zwingend bedeuten, dass die Ärzte gleichviel abrechnen müssen. So könnte es ja bei der Behandlung von Privatpatienten weiterhin einen Steigerungsfaktor geben. Die schwierige Frage aber ist: Wie viel „alte GOÄ“ und wie viel „alter EBM“ steckt in der neuen Gebührenordnung. Sprich: Wie stark enthält sie reine Einzelleistungen und in welchem Umfang hat sie Pauschalierungen und Komplexvergütungen. Außerdem muss man ein Verfahren definieren, wer die Gebührenordnung machen und wie sie regelmäßig weiterentwickelt werden soll. Bleibt sie eine Selbstverwaltungslösung von Ärzten und Kassen oder wird es eine staatliche Gebührenordnung? Gehört die PKV mit an den Tisch und welche Mitwirkungsmöglichkeiten hat sie? Die Gesundheitspolitik kennt bei den DRGs oder der Preisfindung für Arzneimittel Bereiche, bei denen die PKV auf unterschiedliche Weise einbezogen ist.

Szenario drei: Es gibt eine gemeinsame Gebührenordnung aus EBM, GOÄ und dem DRG-System im Krankenhaus.

Für mich persönlich wäre die Harmonisierung der Vergütungen im Grenzbereich zwischen Ärzten und Krankenhäusern derzeit am wichtigsten. Insbesondere auch die Neuordnung der Vergütung für die ambulante Krankenhausbehandlung. Wir haben da einen einzigen Wildwuchs. Es gibt 22 Formen der ambulanten Krankenhausbehandlung. Eine Uniklinik hat bis zu vier Möglichkeiten, dieselbe Leistung mit unterschiedlichen Vergütungen abzurechnen. Und wenn der niedergelassene Facharzt das macht, ist die Abrechnung noch einmal anders. Es wäre jetzt schräg, wenn wir mit einem großen Kraftakt eine gemeinsame ambulante Gebührenordnung hinbekommen, aber den stationären Bereich außen vor lassen.

Wie lange würde solch eine Reform benötigen und wie wäre das umsetzbar?

Man muss das in einzelnen Schritten vorantreiben und darf dabei aber das Gesamtkonzept nicht aus den Augen lassen. Will man eine kleinere Lösung, dann kann man das in etwa zwei bis drei Jahren schaffen. Will man eine deutlichere Umwälzung im System der Honorarverteilung, dann braucht es mehr als eine Legislatur.

Das Interview führte Rebecca Beerheide.

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