ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Psychiatrie in Tansania: Zu viel Hilfe schadet der Eigeninitiative

THEMEN DER ZEIT

Psychiatrie in Tansania: Zu viel Hilfe schadet der Eigeninitiative

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 67

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit 2010 unterstützen Berliner Ärzte die Sebastian Kolowa Universität in Tansania dabei, einen Studiengang für Psychische Gesundheit aufzubauen. In dem ostafrikanischen Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern gibt es nur 20 Psychiater.

Besser versorgt: Das Lutindi Mental Hospital wurde 1905 von den v. Bodelschwinghschen Stiftungen gegründet.
Besser versorgt: Das Lutindi Mental Hospital wurde 1905 von den v. Bodelschwinghschen Stiftungen gegründet.

Das Gelände des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge ist weitläufig, die Wege verschlungen. Haus sechs, ein mehrstöckiger Backsteinbau, beherbergt die Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Das ist die Wirkungsstätte von Prof. Dr. med. Albert Diefenbacher, Chefarzt der Abteilung, und Prof. Dr. med. Torsten Kratz, Leiter der Gerontopsychiatrie. Seit 2010 schauen die beiden Psychiater jedoch regelmäßig weit über ihren medizinischen Tellerrand in Berlin-Lichtenberg hinaus. Denn sie haben, unterstützt vom Träger des Krankenhauses, den v. Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld, maßgeblich dazu beigetragen, im Nordosten Tansanias einen Bachelorstudiengang für Psychische Gesundheit aufzubauen.

Anzeige

In dem ostafrikanischen Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern praktizierten 2016 20 Psychiater, die meisten von ihnen in der Hauptstadt Daressalam, der größten und wirtschaftlich stärksten Stadt in Tansania mit einem entsprechenden Potenzial an Privatpatienten. Ansonsten hat Tansania ähnliche Probleme wie Deutschland: Es herrscht Nachwuchsmangel an Ärzten und Pflegekräften vor allem auf dem Land.

Zukunftswerkstatt in Tansania

Der Berliner Klinikleiter Diefenbacher interessiert sich schon seit Beginn seiner ärztlichen Laufbahn für die psychiatrische Versorgung in anderen Kulturen. 1985 promovierte er über die „Geschichte der Irrenfürsorge in der Kolonie Deutsch-Ostafrika“. Als Beispiel diente ihm damals das Lutindi Mental Hospital in der Provinz Usambara, das 1905 von den v. Bodelschwinghschen Stiftungen gegründet wurde und noch immer unter deren Leitung steht. So schließt sich der Kreis zum heutigen Engagement.

„Es war schnell klar, dass es im Kampf gegen den Fachkräftemangel wenig Sinn macht, Medizinabsolventen aus Tansania in Deutschland zu Psychiatern weiterzubilden“, sagt Diefenbacher. Das dauere auch angesichts der Sprachbarrieren viel zu lange: „Da hat man mit Studium und Weiterbildung nach zehn Jahren einen Psychiater für Tansania ausgebildet.“

Psychiater Torsten Kratz unterrichtet Studierende an der Sebastian Kolowa University
Psychiater Torsten Kratz unterrichtet Studierende an der Sebastian Kolowa University

Im Rahmen einer Zukunftswerkstatt in Tansania beschlossen die Projektpartner – das Lutindi Mental Hospital, die nahe gelegene Sebastian Kolowa University und das tansanische Ge­sund­heits­mi­nis­terium, deshalb vor Ort einen Studiengang zu schaffen, der Gesundheitsfachkräfte so weiterqualifiziert, dass sie Patienten selbstständig psychiatrisch behandeln können. Das Angebot richtet sich in erster Linie an die Berufsgruppe der Clinical Officers, die Diefenbacher zufolge medizinisch sehr gut ausgebildet sind, „knapp unter dem Niveau eines Arztes“, und von den Patienten auch als „Doktor“ angesprochen werden. Die Clinical Officers arbeiten in der Regel in sogenannten Dispensaries, fachübergreifenden Gesundheitsstationen, die für die Patienten flächendeckend erreichbar sind.

Schwierig ist die medikamentöse Versorgung der Kranken. Oft sind Arzneimittel nicht verfügbar.
Schwierig ist die medikamentöse Versorgung der Kranken. Oft sind Arzneimittel nicht verfügbar.

Vier Jahre lang absolvieren die angehenden psychiatrischen Fachkräfte berufsbegleitend Blockkurse an der Sebastian Kolowa University. Wissenschaftlicher Leiter des Studiengangs ist der renommierte tansanische Psychiater Joseph Mbatia, der als ehemaliger Leiter der Abteilung für nicht übertragbare Krankheiten im Ge­sund­heits­mi­nis­terium des Landes das Bachelorprojekt maßgeblich mitangeschoben hat. „Wir haben zusammen das Curriculum entwickelt. Es war aber auch von Anfang an klar, dass das Projekt in Händen der Tansanier liegt“, sagt Diefenbacher. Gewähre man nämlich zu viel Unterstützung und mische sich zu viel ein, bestehe das Risiko, dass die Eigeninitiative schwinde.

Die Studierenden zahlen selbst

Die Vereinte Evangelische Mission, zu der auch die v. Bodelschwinghschen Stiftungen gehören, finanziert befristet auf fünf Jahre das Gehalt von Mbatia und fördert jährlich die Entsendung von bis zu fünf Dozenten aus Deutschland. Ansonsten finanziert sich der Studiengang über Studiengebühren, die zum Teil von den Arbeitgebern der Studierenden bezuschusst werden. „Manche Teilnehmer sparen sich das Geld vom Munde ab“, sagt Diefenbacher. „Aber das Modell funktioniert.“ Im November 2016 haben die ersten 13 Studierenden ihr Bachelorstudium abgeschlossen. Der Jahrgangsbeste, Katyetye Marwa, leitet inzwischen das Lutindi Mental Hospital (siehe folgendes Interview).

Sowohl Diefenbacher als auch Kratz betonen, dass es bei dem Projekt um einen Austausch auf Augenhöhe geht. Man brauche keine deutschen Mediziner, die den Tansaniern die Psychiatrie in ihrem Land erklären, meint Gerontopsychiater Kratz: „Da wird manchmal der Kolonialismus weitergelebt.“ Die klassische stationäre Psychiatrie, wie es sie in Deutschland gebe, sei für Tansania, „überspitzt formuliert“, nicht von Interesse, ergänzt Diefenbacher: „Schwerpunkt ist dort die ambulante Versorgung der psychisch Kranken. Das könnte man, wenn man ehrlich ist, auch hierzulande mehr machen.“ Die Trennung von Psyche und Soma gebe es in Tansania nicht. Erste Anlaufstelle für Patienten mit psychischen Störungen seien deshalb in der Regel die rund 70 000 Traditional Healer, die es im Land gebe und die ihre Patienten ganzheitlich behandelten. Patienten, denen ein traditioneller Heiler nicht mehr helfen könne, nutzten meist die Dispensaries. Mithilfe der Absolventen des neuen Bachelorstudiengangs könne dort künftig eine kompetente psychiatrische Behandlung in das Versorgungsangebot integriert werden. Einrichtungen wie das Lutindi Mental Hospital sind Diefenbacher zufolge den schweren Fällen vorbehalten. Jemand, der an einer wahnhaft psychotischen Depression leide, könne nicht mehr ambulant in der Familie betreut werden. Auch Patienten – meist Männer –, die fremdaggressiv oder alkohol- und drogenabhängig seien, würden dort versorgt, sagt der Chefarzt.

Die neue Ausbildung schaffe ein beachtliches Behandlungsniveau, erklärt Kratz. Er räumt ein, dass es zwar in Tansania ein erhebliches Defizit bei der medikamentösen Versorgung psychisch kranker Patienten gebe, weil es an Arzneimitteln fehle und man zur Finanzierung vielfach auf Spenden angewiesen sei. „Aber das psychotherapeutische Vorgehen von Fachkräften wie Katyetye Marwa unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was wir hier machen“, sagt Kratz.

Lutindi Mental Hospital: Die stationäre Behandlung psychisch Kranker ist in Tansania die Ausnahme.
Lutindi Mental Hospital: Die stationäre Behandlung psychisch Kranker ist in Tansania die Ausnahme.

Das eigene Tun hinterfragen

Der Blick über den Tellerrand sorge zudem dafür, dass man auch das eigene Tun hinterfrage. Ein Beispiel: „Die Medizin in Deutschland ist extrem ärztelastig“, meint der Gerontopsychiater. Wie man die Ressourcen anderer Gesundheitsberufe zum Nutzen der Patienten besser ausschöpfe, könne man in Tansania lernen. „Wir Europäer sind außerdem sehr kopflastig. In Tansania habe ich gelernt, was der emotionale Kontakt zu den Patienten bewirken kann“, sagt Kratz. Diese Erkenntnis setzt er seither auch in Berlin um: Die Visite bei seinen demenzkranken Patienten laufe bei ihm nicht mehr kognitiv über ein Gespräch ab, sondern durch Fühlen, Berühren, Augenkontakt. „Wissenschaftliche Leitlinien in der Behandlung sind wichtig, aber die therapeutische Beziehung ist es auch“, meint der Psychiater.

Es stellt sich die Frage, wie nachhaltig ein solches Projekt die psychiatrische Versorgung in Tansania voranbringen kann. Der Bachelorstudiengang sei durch das tansanische Ge­sund­heits­mi­nis­terium akkreditiert. Das sei schon einmal ein großer Schritt Richtung Nachhaltigkeit, sagt Chefarzt Diefenbacher. Dazu komme, dass in Tansania trotz der herrschenden Armut Fortschritte erkennbar seien. „Die Menschen haben eine Perspektive – nicht zuletzt auch die Clinical Officer, die unseren Studiengang absolvieren.“ Heike Korzilius

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema