ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Interview mit Katyetye Marwa, Leiter des Lutindi Mental Hospitals, Tanga, Tansania : „Die Arbeitstherapie dient der Sinnstiftung und Tagesstruktur“

THEMEN DER ZEIT

Interview mit Katyetye Marwa, Leiter des Lutindi Mental Hospitals, Tanga, Tansania : „Die Arbeitstherapie dient der Sinnstiftung und Tagesstruktur“

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 69

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Als Jahrgangsbester hat Katyetye Marwa den Bachelorstudiengang für Psychische Gesundheit abgeschlossen. Er leitet inzwischen eine der größten stationären psychiatrischen Einrichtungen des Landes.

Diakonin Regine Buschmann (links), v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, dolmetscht das Gespräch mit Katyetye Marwa, der Swahili spricht. Rechts Prof. Dr. med. Albert Dietenbacher, Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, Berlin. Foto: Petra Bühring

Herr Marwa, Sie haben gerade am Weltkongress für Psychiatrie in Berlin teilgenommen. Was nehmen Sie an Eindrücken mit?

Marwa: Ich gehe zurück mit einer geschärften Sicht auf die Krankheitsbilder der Patienten. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass in Deutschland das Medikamentenspektrum viel breiter ist und Medikamente gezielter eingesetzt werden als im Lutindi Mental Hospital. Dort verwenden wir seit Jahrzehnten immer dieselben Präparate auf dieselbe Art und Weise. Man muss viel genauer schauen, was der Patient eigentlich braucht.

Anzeige

Wie ist der Zugang zu Medikamenten?

Marwa: In Tansania sind einige Medikamente verfügbar, die wir bisher aber noch nicht eingesetzt haben, weil wir sie nicht kannten.

Kombinieren Sie, wie in Deutschland, Psychopharmaka und Psychotherapie?

Marwa: In Lutindi gibt es immer schon eine Kombination aus medikamentöser Therapie, Gesprächstherapie und – ganz wichtig – Arbeitstherapie. Das ist aber in Tansania eher die Ausnahme. In einer großen Klinik mit 400 Betten in Dodoma wird in erster Linie medikamentös behandelt mit wenig Gesprächstherapie.

Was verstehen Sie unter Gesprächstherapie?

Marwa: Wir setzen kognitive Verhaltenstherapie ein, wobei der Schwerpunkt auf dem motivierenden Gespräch liegt, das starke psychoedukative Komponenten hat.

Wie funktioniert am Lutindi Mental Hospital die Arbeitstherapie?

Marwa: Sie dient der Sinnstiftung und dem Aufbau einer Tagesstruktur für die Patienten. Diese arbeiten in der Sisalweberei oder in der Landwirtschaft, im Gemüsegarten, bei den Fischteichen oder auf der Teeplantage. Es gibt auch eine Tischlerei und eine Schneiderei. Ursprünglich war die Klinik selbstversorgend. Dafür ist sie inzwischen aber zu groß.

In welcher Form werden die Angehörigen in die Behandlung mit einbezogen?

Marwa: Die Familien bringen die Patienten zu uns und holen sie wieder ab. Sie dürfen die Patienten natürlich während des achtwöchigen Klinikaufenthaltes auch besuchen. Bei vielen ist das aber nicht möglich, weil sie von weit her kommen. Bei der Entlassung führen wir ein langes Gespräch mit der Familie zum Umgang mit der psychischen Erkrankung und um die Medikamenteneinnahme zu gewährleisten.

Warum haben Sie sich als Clinical Officer für ein weiterführendes Studium entschieden?

Marwa: Ich habe seit 2005 als Clinical Officer in einer Gesundheitsstation gearbeitet. Die psychisch Kranken, die dort betreut wurden, brauchten eine ganz andere Art von Hilfe als die somatisch Kranken. Die Versorgung war nicht fachgerecht, weil niemand dafür ausgebildet war. Das hat mich zum Studium bewogen, in dessen Verlauf ich mich entschieden habe, nur noch psychiatrisch zu arbeiten.

Das Interview führte Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige