ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2018Pflege: Ein kleiner Neustart, mehr nicht

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Pflege: Ein kleiner Neustart, mehr nicht

Dtsch Arztebl 2018; 115(6): A-217

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Während die Koalitionsverhandlungen zur Großen Koalition (GroKo) bei Redaktionsschluss noch andauerten – die schweren Brocken Zweiklassenmedizin und sachgrundlose Befristung ließen sich erwartungsgemäß schwer ausräumen – einigten sich Union und SPD bei der Pflege schnell. 8 000 neue Stellen in Pflegeheimen sowie flächendeckende Tarifverträge sollen die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung der Pflegekräfte verbessern und damit am Ende auch die Situation der Pflegebedürftigen (siehe Seite 223).

Es ist ein kleiner, dringend notwendiger Neuanfang – auch wenn viele zu Recht kritisieren, dass es sich dabei nur um den berühmten Tropfen auf dem heißen Stein handelt. Sicherlich hätte die künftige GroKo auch 20 000 Stellen in ihre Vereinbarung schreiben können, die Regierungskassen sind schließlich prall gefüllt. Nur gibt es diese Pflegekräfte aktuell gar nicht: Das Statistische Bundesamt geht momentan von rund 30 000 unbesetzten Stellen aus. Zudem sollen nach dem Willen der GroKo „verbindliche Personalbemessungsinstrumente, auch im Hinblick auf die Pflegesituation in der Nacht“ entwickelt werden. Das heißt: Die Nachfrage wird nicht nur wegen des demografischen Wandels kontinuierlich steigen. Und die Prognosen sind nicht gut: Einer Studie der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PWC) zufolge werden bis 2030 rund 300 000 Fachkräfte in der Pflegebranche fehlen.

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Grundsätzlich sind die Annahmen der Groko daher richtig: Mehr Personal führt zu besseren Arbeitsbedingungen. Eine höhere Bezahlung macht den Berufsstand attraktiver. Die angekündigten Tarifverträge sind unabdingbar, denn die bundesweit anvisierte Personalbemessung ist bei den massiven Gehaltsunterschieden zwischen den Ländern nur so realisierbar. Noch wichtiger aber ist, dass der Pflegeberuf die Wertschätzung erfährt, die er verdient. Bei den Pflegeheimen ist es damit nicht gut bestellt (siehe auch Seite 226). Nur 52 Prozent der Deutschen glauben einer PWC-Umfrage zufolge, in einem Pflegeheim jederzeit kompetente und erfahrene Unterstützung zu erhalten; 80 Prozent macht es sogar Angst, dort betreut werden zu müssen. Dieser schlechte Ruf färbt auch auf den Pflegeberuf ab. Wer will schon in Einrichtungen arbeiten, die immer wieder am Pranger stehen? Positiv ist, dass die Stellen ausschließlich aus der Sozialversicherung finanziert werden sollen. Damit haben Pflegeheimbetreiber kaum eine Chance, Kosten an die Kranken oder deren Familien weiterzugeben. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den Pflegenotstand zu bewältigen und zwar in erster Linie mit finanziellen Mitteln. Politiker sollten dies ihren Wählern klar sagen. Die Pflegeversicherung war nie als Vollversicherung für das Alter gedacht. Daher muss der kleine Neustart dringend zu einer langfristigen finanziellen Sicherung einer guten Pflege ausgebaut werden.

Übrigens verheißen erste Überlegungen zur künftigen Gesundheitspolitik, die am vergangenen Wochenende bekannt wurden, für die Selbstverwaltung nichts Gutes. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe soll sich zusammen mit den Regierungsfraktionen um Themen wie Bedarfsplanung, Zulassung, Honorierung, Kodierung kümmern. Das heißt nichts anderes, als dass der Selbstverwaltung allein nicht mehr zugetraut wird, hier Verbesserungen zu schaffen. Die endgültigen Ergebnisse waren bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt: Das Deutsche Ärzteblatt informiert täglich online über die weiteren Entwicklungen: www.aerzteblatt.de/btw2017.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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