ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1996(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Ja zur Schmerztherapie, nein zur Rettungsmedizin

POLITIK: Deutscher Ärztetag

(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Ja zur Schmerztherapie, nein zur Rettungsmedizin

Dauth, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Einen ganzen Tag lang befaßte sich der Deutsche Ärztetag mit einer Handvoll Novellierungsvorschlägen der Bundes­ärzte­kammer zur (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung – und das, obwohl zahlreiche Detailanträge gleich am Anfang im Paket an den Vorstand der BÄK überwiesen wurden. Ergebnis der Arbeit: Der Weiterbildungsgang für das Gebiet der Allgemeinmedizin wird neu formuliert und von drei auf fünf Jahre verlängert (vgl. hierzu auch den Leitartikel). In Zukunft sollen die Allgemeinärzte die hausärztliche Versorgung übernehmen, die Internisten dagegen rein spezialistisch tätig sein ("Differenzierungsmodell"). Der Weiterbildungsgang "Öffentliches Gesundheitswesen" wird neu geordnet. Die Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie" wird eingeführt, ebenso eine fakultative Weiterbildung "Spe-zielle Ophthalmologische Chirurgie" im Gebiet Augenheilkunde.


Bevor auf dem Deutschen Ärztetag über die einzelnen Vorschläge zur Novellierung der (Muster)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) diskutiert wurde, gab es erst einmal Debatten zu Grundsätzlichem. Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und zuständiger Referent, hatte zwar darauf hingewiesen, daß es bei der Vorlage des BÄK-Vorstandes nur in zwei Punkten um wirklich materielle Änderungen der Weiter­bildungs­ordnung gehe. Zudem sei das, was vorgelegt werde, bescheiden – gemessen an der Vielzahl der Änderungswünsche.
Teile der Delegierten sahen das aber anders. Sie kritisierten, vor gerade drei Jahren sei die MWBO umfassend novelliert worden. Nun bestehe angeblich schon wieder Handlungsbedarf. Dr. Peter Schwoerer, 2. Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und als Delegierter der Lan­des­ärz­te­kam­mer BadenWürttemberg beim Ärztetag, formulierte besonders harsch: "Der Wahnsinn der Zersplitterung wird langsam Methode." In der Praxis überblickten heute weder Ärzte noch Patienten das System.
Schwoerer beantragte, die vorgesehenen Zusatzbezeichnungen "Rettungsmedizin" und "Schmerztherapie" wie auch die fakultative Weiterbildung im Bereich der Augenheilkunde abzulehnen. Statt dessen solle man vermehrt leistungsbezogene Fachkundenachweise einführen. Sein Antrag wurde abgelehnt, ebenso der von Prof. Dr. Dr. Dieter Adam (Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer), der alle Details jenseits des "Paragraphenteils" der Weiter­bildungs­ordnung aus dem Plenum des Ärztetages heraushalten wollte. Wohl aber wurden die vielen Detailänderungswünsche an den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer zur Prüfung und Berücksichtigung überwiesen.
Die Mehrheit der Delegierten war offenbar der Auffassung, die ein Arzt so formulierte: "Der Fortschritt der Medizin nimmt keine Rücksicht auf den Wunsch nach Einfachheit." Die Weiter­bildungs­ordnung, das war mehrfach zu hören, werde sicherlich immer komplexer. Sie lasse sich aber "handeln" und sei, so meinte beispielsweise Dr. Gerhard Dieter (Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg), das beste Instrument zur Qualitätssicherung.


Weitergebildet nach altem Recht
Nicht durchsetzen konnte sich der BÄK-Vorstand mit einem Ergänzungsvorschlag zu § 23 der MWBO ("Übergangsbestimmungen"), vor allem wohl wegen des zweiten Teils. Die Ergänzung sah vor, daß ein Facharzt alle Methoden weiter anwenden darf, für die er während seiner Weiterbildungszeit die Qualifikation erworben hat – auch wenn später der Inhalt des Fachgebiets einmal so geändert wird, daß bestimmte Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten entfallen. Teil zwei betraf die Zukunft: Für den Fall, daß neue Methoden aufgenommen werden, sollte ein Facharzt nach "alter" Weiterbildung diese anwenden können, "wenn er der Ärztekammer binnen eines Zeitraums von zwei Jahren ... eine hierauf bezogene Weiterbildung oder Fortbildung nachweist".
Privatdozent Dr. Holger Raidt (Ärztekammer Westfalen-Lippe), der zu dem Antrag Stellung nahm, begrüßte den Vorschlag. Er verlangte aber, die Zeitbegrenzung zu streichen: Um sich bestimmte Kenntnisse in der Radiologie, der minimal-invasiven Chirurgie oder den "Psychofächern" anzueignen, seien zwei Jahre zu kurz. Andere Delegierte wandten ein, hier gehe es doch eher um ein Thema aus dem Bereich der Abrechnung und um ein Problem mit der Versicherungswirtschaft.
Manche privaten Kran­ken­ver­siche­rungen kürzen ihren Kunden offenbar Arztrechnungen mit der Begründung, diese oder jene Qualifikation habe der Arzt nicht, daher könne die Leistung XY nicht abgerechnet werden. In diesem Fall reiche es oft anzugeben, meinten einige Delegierte, wann man seinen Facharzt gemacht habe und was man folglich nach der damals gültigen Weiter­bildungs­ordnung dürfe. Ein Antrag des Präsidenten der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. Hans Hege, fand schließlich die Mehrheit. Er ersetzt den Vorschlag der BÄK und klammert die Auflagen für die Zukunft aus: "Wird durch diese Weiter­bildungs­ordnung der Inhalt der Weiterbildung ... verändert, so gilt grundsätzlich, daß die Qualifikation des Arztes gemäß der für den Abschluß seiner Weiterbildung gültigen Weiter­bildungs­ordnung nachgewiesen ist."
Ohne Debatten wurde ein Änderungsvorschlag zu Gebiets- und Teilgebietsbezeichnungen im Bereich der Chirurgie angenommen. Ebenfalls rasch akzeptiert wurde, mit wenigen sprachlichen Veränderungen, die Neuordnung des Weiterbildungsgangs "Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen". Wesentliche Veränderung ist, daß der Inhalt der Weiterbildung nun von der ärztlichen Selbstverwaltung geregelt wird statt wie bisher von staatlicher Seite.


Kein Votum für die Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin
Mehr Zeit beanspruchte die Entscheidung, ob man einen Bereich und damit eine Zusatzbezeichnung "Rettungsmedizin" einführen solle oder nicht. Der zuständige Dezernent der BÄK, Dr. Peter Knuth, verwies darauf, daß bislang für den Erwerb der Fachkunde vor allem theoretisches Wissen gefordert wird. Praktische Übungen seien kaum vorgesehen. Eine anonyme Befragung im Rettungsdienst tätiger Kollegen habe aber kürzlich ergeben, daß diese ihre eigenen Fähigkeiten als nicht ausreichend empfunden hätten. Deshalb schlug der BÄK-Vorstand nun vor, den praktischen Teil auszubauen und die Zusatzbezeichnung einzuführen.
In der folgenden Debatte wurde dies kritisiert. Dr. Ulrike Wahl, Delegierte der Lan­des­ärz­te­kam­mer BadenWürttemberg und selbst Notfallmedizinerin, beantragte, die Zusatzbezeichnung nicht einzuführen. Schon bisher werde sehr wohl auch der Nachweis praktischer Fähigkeiten verlangt. Der Entwurf der Kammer sei fast identisch mit der vorliegenden Fachkunde, nur mit dem Unterschied, daß nun zwei Jahre klinische Tätigkeit von jeweils sechs Monaten in den Gebieten Anästhesiologie, Chirurgie, Innere Medizin und Kinderheilkunde verlangt würden. "Bei der heutigen Stellensituation ist das ein Witz", sagte Dr. Wahl unter dem Beifall der Delegierten. Eine höhere Qualifikation sei wünschenswert, aber nicht in dieser Form.
Dr. Volker Pickerodt, Delegierter der Ärztekammer Berlin, widersprach: "Wir brauchen die Zusatzbezeichnung!" Mit 80 Stunden Theorie qualifiziere sich doch niemand sinnvoll. Die Kritiker setzten sich jedoch durch; viele hielten die Vorgabe einer zweijährigen klinischen Tätigkeit für nicht umsetzbar. Folglich wurde die Einführung der Zusatzbezeichnung abgelehnt.


Mehrheit für spezielle Schmerztherapie
Mit 114:99 Stimmen wurde hingegen der Vorschlag des BÄK-Vorstandes angenommen, einen Bereich und damit eine Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie" einzuführen. Eine Mehrheit fand aber ebenso der Antrag, die gebietsbezogene allgemeine Schmerztherapie in alle klinischen Gebiete aufzunehmen – analog zur Formulierung für die Anästhesiologie.
Die Befürworter der Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie" verwiesen vor allem darauf, daß es um ein spezielles Patientenklientel gehe, dem im Grunde nur mit besonderen Kenntnissen zu helfen sei. Dr. Ursula Auerswald, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, betonte, es gehe auch nicht darum, Arztgruppen etwas wegzunehmen. Die spezielle Schmerztherapie sei zudem ein interdisziplinärer Vorgang. Dr. Jörg Zimmermann, Delegierter der Lan­des­ärz­te­kam­mer Niedersachsen, griff ein Argument der Gegner einer Spezialisierung auf: Schmerztherapie solle doch jeder Arzt beherrschen. Hier gehe es aber um ein sehr spezielles Patientenkollektiv, um Schmerz als ein eigenständiges Krankheitsbild.
Manche Gegner einer Zusatzbezeichnung blieben dabei, daß die Behandlung wegen Schmerzen jeder Arzt beherrschen müsse. Würden hier eigene Qualifikationen eingeführt, müsse man diese nachweisen, sonst dürfe man vermutlich nicht mehr behandeln. Dr. Gerhard Dieter meinte zudem, man könne doch eine Qualifikation nicht nur einführen, um Defizite zu beseitigen. Dann sollten die Ärzte sich doch lieber fortbilden, um ihre Kenntnisse zu erweitern und damit den Patienten zu dienen.
Zum Schluß warb Prof. Dr. Hoppe noch einmal für die Vorlage. Eine Ablehnung wäre heikel, meinte er, da dann zum Beispiel Selbsthilfegruppen wieder politischen Druck machen würden. Ein Problem ist wohl auch, daß Ärzte mangels anderer Möglichkeiten Fortbildungen besuchen und sich dann wenig aussagekräftige Zertifikate in die Praxis hängen. In Zukunft können sie die Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen: die Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie" wurde eingeführt. Sabine Dauth

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote