MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Typ-1-Diabetes: Für Organschäden ist mittlerer Blutzuckerwert wichtiger als Tagesschwankungen

Dtsch Arztebl 2018; 115(6): A-249 / B-215 / C-215

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Reineg/stock.adobe.com
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Seit Langem wird diskutiert, ob der postprandiale Blutzucker bei Typ-1-Diabetikern eine wesentliche Bedeutung für das Entstehen von Organschäden hat oder ob der mittlere Blutzuckerwert wichtiger ist.

In der DCCT-Studie wurden 1 441 Typ-1-Diabetiker eingeschlossen und randomisiert in eine Gruppe, in der durch intensive Behandlung möglichst HbA1c-Werte von Nichtdiabetikern erreicht werden sollten (n = 711), und eine zweite Gruppe, bei der sich die Therapie am Wohlbefinden der Patienten orientierte ohne Zielwerte (n = 730; [1]). Eine Subkohorte hatte keine Diabetesfolgeschäden wie Retinopathie oder Nierenfunktionsstörung (n = 726), die zweite Subkohorte (n = 715) hatte eine minimale bis moderate Retinopathie und eine erhöhte Albuminexkretion (≥ 39 mg bis < 200 mg pro Tag).

Vierteljährlich wurden 7-Punkte-Blutzuckertagesprofile erstellt: aus den Werten jeweils vor den 3 Hauptmahlzeiten, 90 Minuten danach und vor dem Schlafengehen. Die Messungen erfolgten in den Jahren 1983–93. Der Augenhintergrund wurde alle 6 Monate untersucht und fotografisch dokumentiert. Als Progress war eine Verschlechterung an 2 aufeinanderfolgenden Untersuchungen definiert.

Analysiert wurde, ob es Assoziationen zwischen Schwankungen des Blutzuckers im Tagesverlauf oder der Variabilität der Blutglukosewerte zwischen den Tagen mit einer Progression der Retinopathie, der Nephropathie oder einer autonomen kardialen Neuropathie gab.

Nur der adjustierte longitudinale mittlere „M-Wert“ des Blutzuckers war signifikant mit mikrovaskulären Folgeerkrankungen assoziiert. Der protektive Einfluss einer intensivierten Insulintherapie ließ sich fast vollständig auf den erreichten mittleren HbA1c-Wert zurückführen. Schwankungen innerhalb eines Tages hatten keine Bedeutung.

Fazit: „Bei Typ-1-Diabetikern sind Blutzuckerschwankungen im Vergleich zum mittleren Tagesblutzucker für Augen-, Nieren- und Nervenschäden ohne zusätzliche Bedeutung“, kommentiert Prof. em. Dr. med. Helmut Schatz aus Bochum. „Einschränkend muss allerdings ergänzt werden, dass die Blutzuckerschwankungen mit den heute verfügbaren Methoden der kontinuierlichen Blutzuckermessung andere Resultate liefern könnten.“ Keinesfalls sollten Ärzte die Diabeteseinstellung ihrer Patienten nun nur nach dem HbA1c-Wert bewerten. In diesem Sinne habe sich auch der Erstautor der Studie, Prof. John M. Lachin von der George Washington University in Rockville, geäußert (2). Die Botschaft sei nicht, dass starke Blutzuckerschwankungen nicht Anlass zur Sorge geben müssten. Denn ein mittlerer, normnaher Blutzucker lasse sich bei extremen Schwankungen kaum erreichen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Lachin JM, Bergenstal RM, et al.: Association of glycemic variability in type 1 diabetes with progression of microvascular outcomes in the Diabetes Control and Complications Trial. Diabetes Care 2017; 40: 777–83.
  2. Lachin JM: Glycemic variability did not predict complications in DCCT. http://www.medscape.com/viewarticle/879066.

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