ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2018Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen: Eine Behandlung mit zyklischen Antidepressiva erhöht das Diabetesrisiko

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen: Eine Behandlung mit zyklischen Antidepressiva erhöht das Diabetesrisiko

Dtsch Arztebl 2018; 115(6): A-249 / B-215 / C-215

Eckert, Nadine

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Foto: RFBSIP/stock.adobe.com

In einer retrospektiven Kohortenstudie in den USA wurde geprüft, ob es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva und Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen gibt. Untersucht wurden 119 608 Kinder und Jugendliche im Alter von 5–20 Jahren, 54,7 % waren < 14 Jahre.

Analysiert wurde die Einnahme von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI), trizyklischen oder anderen zyklischen Antidepressiva und anderen Antidepressiva. Weitere Parameter waren Einnahmedauer, kumulative Dosis und die durchschnittliche Tagesdosis. Die Beobachtungszeit betrug im Durchschnitt 22,8 Monate.

Insgesamt 79 285 Kinder und Jugendliche (66,3 %) nahmen ein SSRI oder ein SNRI. Das Risiko für Typ-2-Diabetes war während der Einnahme eines SSRI oder SNRI signifikant höher als bei einer Einnahme in der Vergangenheit (absolutes Risiko: 1,29 vs. 0,64 pro 10 000 Personenmonaten; adjustiertes relatives Risiko [RR]: 1,88; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,34; 2,64]).

Das galt für trizyklische und andere zyklische Antidepressiva (absolutes Risiko: 0,89 vs. 0,48 pro 10 000 Personenmonate; RR: 2,15 [1,06; 4,36]), aber nicht für andere Antidepressiva (absolutes Risiko: 1,15 vs. 1,12 pro 10 000 Personenmonate; RR: 0,99 [0,66; 1,50]). Bei Jugendlichen, die aktuell SSRI oder SNRI einnahmen, stieg das Diabetesrisiko außerdem mit der Dauer der Medikation (RR: 2,66 [1,45–4,88] für > 210 Tage und RR: 2,56 [1,29; 5,08] für 151–210 Tage verglichen mit 1–90 Tagen) und mit der kumulativen Dosis (RR: 2,44 [1,35; 4,43] für > 4500 mg und RR: 2,17 [1,07; 4,40] für 3001–4500 mg verglichen mit 1–1500 mg Fluoxetinhydrochlorid-Dosisäquivalenten).

Bei anderen Antidepressiva waren weder die Einnahmedauer noch die kumulative Dosis mit einem erhöhten Diabetesrisiko assoziiert.

Fazit: „Diese Studie mit Versichertendaten ist methodisch von guter Qualität“, urteilt Prof. Dr. med. Michael Kölch, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Gleichwohl warnt er, voreilige Schlüsse zu ziehen: „Weder ist ein kausaler Zusammenhang belegt noch sind die Daten ohne Weiteres auf Deutschland übertragbar, unter anderem aufgrund einer anderen Verordnungsepidemiologie mit viel niedrigeren Verordnungsraten.“

Kölch weist außerdem darauf hin, dass immerhin circa 35 % der Kinder und Jugendlichen andere Psychopharmaka erhielten, zum Beispiel Antipsychotika. Die Inzidenz von 213 Typ-2-Diabetes-Erkrankungen bei fast 120 000 Kindern und Jugendlichen sei zudem in absoluten Zahlen gering.

„Aufgrund der Studie sollte durchaus auf die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes geachtet werden, sie muss aber in weiteren Untersuchungen repliziert werden. Keinesfalls sollte sie dazu führen, eine indizierte Behandlung abzubrechen oder nicht zu initiieren“, resümiert Kölch. „Die Schwere einer psychischen Erkrankung ist immer gegen mögliche Nebenwirkungen der Therapie abzuwägen.“ Nadine Eckert

Burcu M, Zito JM, Safer DJ, et al.: Association of antidepressant medications with incident type 2 diabetes among Medicaid-insured youths. JAMA Pediatr 2017; 171: 1200–7.

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