ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2018Prävention des Typ-2-Diabetes: Lebensstilveränderungen wirken länger nach als prophylaktische Medikamente

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Prävention des Typ-2-Diabetes: Lebensstilveränderungen wirken länger nach als prophylaktische Medikamente

Dtsch Arztebl 2018; 115(6): A-250 / B-216 / C-216

Gerste, Ronald D.

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Foto: bit24/stock.adobe.com

Die Zahl der Diabetiker weltweit wird zur Zeit auf 415 Mio. geschätzt, bis zum Jahr 2040 wird ein Zuwachs auf 642 Mio. erwartet. Die Prävention einer Manifestation bekommt daher zunehmend Bedeutung. Ob dazu eine medikamentöse Therapie oder Änderungen der Lebensführung (LSM, lifestyle modification) mit mehr körperlicher Aktivität und „gesunder“ Ernährung – beides primär mit dem Ziel des Gewichtsverlustes – besser geeignet sind, ist in einer Metaanalyse einer amerikanischen Autorengruppe untersucht worden (1).

Den Evidenzkriterien entsprachen 43 Studien, in denen insgesamt 49 029 Teilnehmer im Durchschnittsalter von 57,3 Jahren erfasst wurden. 19 dieser Arbeiten untersuchten den Einfluss von Medikamenten als mögliche Präventiva, 19 fokussierten auf LSM und 5 Studien testeten sowohl Medikamente wie Metformin, Glitazone oder Acarbose als auch Anpassungen der Lebensführung.

Die Mehrzahl der Arbeiten (n = 40) hatten Nachbeobachtungszeiten zwischen 6 Monaten und 6 Jahren, bei 3 großen populationsbasierten Untersuchungen lagen Beobachtungszeiträume sogar zwischen 10 und 20 Jahren. Dazu gehört die Da Qing Diabetes Prevention Study (2) mit 20 Jahren Nachbeobachtung. Bei der Auswertung zeigte sich, dass Veränderungen der Lebensführung während der Phase der aktiven Intervention das Risiko, an Typ- 2-Diabetes zu erkranken, um 39% reduzierten (relatives Risiko [RR]: 0,61; [95-%-Konfidenzintervall] [0,54; 0,68]). Die Inzidenz des Diabetes mellitus lag in diesen Gruppen bei 7,4 Fällen pro 100 Personenjahre im Vergleich zu 11,4 Neuerkrankungen pro 100 Personenjahre in den Kontrollgruppen.

Mit dieser Methode (LSM) mussten statistisch 25 Personen behandelt werden, um eine Neu-
erkrankung zu verhindern. Dieselbe number needed to be treated von 25 pro 1 wurde für die medikamentöse Intervention errechnet. Diese senkte das Erkrankungsrisiko um 36 % (RR: 0,64; [0,54; 0,76]). Pro 110 Personenjahre kam es unter dieser präventiven Maßnahme zu 5,4 Neuerkrankungen im Vergleich zu 9,3 Neuerkrankungen in den Kontrollgruppen.

In den LSM-Gruppen führte physische Aktivität allein nicht zu einer signifikanten Senkung des Diabetesrisikos – eine Ausnahme waren die Ergebnisse der Quing-Studie –, während die Kombination Diät plus körperliche Aktivität das Risiko um 41 % senkte (RR: 0,59; [0,51; 0,69]). Den ausgeprägtesten präventiven Effekt hatten unter den pharmakologischen Ansätzen Medikamente wie Orlistat und Phentermin-Topiramat, die primär auf Gewichtsreduktion zielen, mit einer Risikoreduktion um 63 % (RR: 0,37; [0,22; 0,62]). Der präventive Effekt der Medikationen hörte allerdings mit ihrem Absetzen auf, während LSM-Maßnahmen nachhaltiger waren, wenngleich auch ihre Wirkung mit der Zeit nachließ.

Fazit: „Die Metaanalyse basiert zwar auf einer großen Patientenzahl, das Ergebnis ist allerdings nicht wirklich neu“, kommentiert Prof. Dr. med. Michael Roden, Direktor des Deutschen Diabeteszentrums in Düsseldorf. Zu beachten sei, dass die Nachbeobachtungszeiten bei den Studien zur Medikamentengabe deutlich kürzer gewesen seien und eventuelle Langzeiteffekte nicht wirklich hätten beurteilt werden können. „Änderungen der persönlichen Lebensführung können zwar das Verhalten auch nachhaltig verändern. In der Analyse wird allerdings nicht thematisiert, welches Verhalten besonders effektiv war.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Haw JS, Galaviz KI, Straus AN et al.: Long-term sustainability of diabetes prevention approaches. A systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. JAMA Intern Med 2017; 177: 1808–-17.
  2. Li G, Zhang P,Wang J, et al.: The long-term effect of lifestyle interventions to prevent diabetes in the China Da Qing Diabetes Prevention Study: a 20-year follow-up study. Lancet 2008; 371: 1783–9.

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