ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Wissenschaftliche Anerkennung von Psychotherapie: Ungelöste Widersprüche

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Wissenschaftliche Anerkennung von Psychotherapie: Ungelöste Widersprüche

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 49

Bühring, Petra

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Mit seinem aktuellen Gutachten hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) die Humanistische Psychotherapie nicht als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren nach seinen Kriterien anerkannt, denn methodisch hochwertige Studien fehlten (siehe Artikel auf Seite 55). Das ist für viele Psychotherapeuten, die mit Gesprächstherapie, Gestalttherapie, Psychodrama, Körperpsychotherapie, Logotherapie, Existenzanalyse, Pesso Boyden System Psychomotor, Integrativer Therapie und Transaktionsanalyse arbeiten, die unter dem Dachbegriff „Humanistische Psychotherapie“ zusammengefasst wurden, enttäuschend. Mit dieser Entscheidung ist nun auch die letzte Chance vertan, die einzelnen Ansätze in der ambulanten Versorgung von den gesetzlichen Krankenkassen finanzieren zu lassen. So wie es vor Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes 1999 war, als die Kosten hierfür noch erstattet wurden, wird es nicht mehr werden. Dennoch können die Ansätze der Humanistischen Psychotherapie (HP) weiterhin in Privatpraxen angeboten werden. Zudem kommen einzelne Ansätze auch weiterhin in einigen psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie Rehabilitationseinrichtungen bei einem breiten Spektrum von psychischen Erkrankungen zur Anwendung. Auch in psychosozialen Beratungsstellen erfüllen sie ihren Zweck. Eingebettet in sozialrechtlich zugelassene Verfahren werden einzelne Ansätze ebenfalls weiterhin angewandt. Auf all das weist der WBP in seinem Gutachten hin. Der scheinbare Widerspruch bleibt unkommentiert beziehungsweise war an dieser Stelle nicht die Aufgabe.

Die „Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie“ – die sich 2012 eigens zum Zwecke der Antragstellung gegründet hat – versuchte, die historisch heterogenen Ansätze unter einem Dach zusammenzufassen, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen. Das ist gescheitert, denn mehr als eine „übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung“ hat der WBP nicht gesehen. Es war ein neuer Versuch insbesondere auch für die Gesprächspsychotherapie, die 2002 bereits vom Beirat wissenschaftlich anerkannt und zur vertieften Ausbildung für Psychologische Psychotherapeuten empfohlen worden war. Die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren wurde dann aber 2008 vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) verwehrt. Auch dieser Widerspruch zwischen berufsrechtlicher und sozialrechtlicher Anerkennung bleibt ungelöst. Betroffen davon ist im Übrigen auch die Systemische Psychotherapie, die 2008 vom WBP anerkannt und zur vertieften Ausbildung empfohlen wurde, dann neun Jahre auf die Entscheidung der Begutachtung warten musste: 2017 befand schließlich das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), das im Auftrag des G-BA erstmalig ein Psychotherapieverfahren zu bewerten hatte, dass Schaden und Nutzen der Systemischen Therapie abzuwägen nicht möglich sei. Denn methodisch hochwertige und ausreichend große Studien fehlten. Das ist das generelle Problem der Psychotherapieforschung – vor allem für Ansätze oder Verfahren, die nicht an Universitäten gelehrt und entsprechend nicht beforscht werden. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

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