ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Humanistische Psychotherapie: Hochwertige Studien fehlen

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Humanistische Psychotherapie: Hochwertige Studien fehlen

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 55

Bühring, Petra

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Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie erkennt die Humanistische Psychotherapie nicht als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren an. Kritiker werfen dem Gremium sachwidriges Vorgehen und machtpolitische Interessen vor.

Nach mehr als fünfjährigen Beratungen kommt der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) in einem Gutachten zu dem Ergebnis, die Humanistische Psychotherapie nicht als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren anzuerkennen und entsprechend auch nicht zur vertieften Ausbildung für Psychologische Psychotherapeuten zu empfehlen. Das Gutachten wurde am 19. Januar auf der Homepage des Beirats veröffentlicht. Damit ist der Humanistischen Psychotherapie auch die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren verwehrt.

Im Oktober 2012 hatte die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) einen Antrag auf Anerkennung der zehn psychotherapeutischen Ansätze beim WBP gestellt, die unter dem Dachbegriff „Humanistische Psychotherapie“ firmieren. Diese historisch heterogenen Ansätze sind: Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Emotionsfokussierte Therapie, Psychodrama, Logotherapie, Existenzanalyse, Körperpsychotherapie, Pesso Boyden System Psychomotor, Integrative Therapie und Transaktionsanalyse.

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Kein Wirken bei Angststörungen

„Für eine wissenschaftliche Anerkennung als Psychotherapieverfahren fehlen den Ansätzen insbesondere qualitativ hochwertige Studien für ihre Wirksamkeit bei Angststörungen“, erläuterte der Co-Vorsitzende des WBP, Prof. Dr. med. Dr. theol. Gereon Heuft, in einer Pressemitteilung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), bei der aktuell die Geschäftsführung des Beirats liegt.

Einzig für die Gesprächspsychotherapie, die von der AGHPT der Humanistischen Psychotherapie zugeordnet wurde, hat der WPB jetzt die wissenschaftliche Anerkennung für die Anwendungsbereiche „Affektive Störungen“, „Anpassungs- und Belastungsstörungen“ sowie „Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Erkrankungen“ bei Erwachsenen festgestellt. Nach den Kriterien des Methodenpapiers des Beirats nach § 11 Psychotherapeutengesetz werden jedoch nur solche Verfahren für die vertiefte Ausbildung empfohlen, die bei „Affektiven Störungen“ sowie „Angst- und Zwangsstörungen“ – die beide eine besondere Versorgungsrelevanz haben – wirksam sind. Zusätzlich muss das Verfahren noch in mindestens ein bis zwei weiteren (von insgesamt 18) Anwendungsbereichen mit geringer Versorgungsrelevanz wirksam sein. Diese Kriterien erfüllen nach dem Gutachten weder die Gesprächspsychotherapie noch die übrigen neun Ansätze der HP aufgrund der vorlegten Studien.

Der WBP konnte bei den Ansätzen der Humanistischen Psychotherapie insgesamt zwar „eine übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung“ feststellen. Für eine Anerkennung als Psychotherapieverfahren fehle es jedoch insbesondere an einer systematischen und differenzierten Vermittlung der zehn Ansätze in einer gemeinsamen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Auch mangele es der HP an einem Konzept der differenziellen Indikationsstellung. „Die Beurteilung aller Kriterien erlaubt es somit nicht, von der Humanistischen Psychotherapie als von einem Psychotherapieverfahren im Sinne des Methodenpapiers des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie zu sprechen“, heißt es in dem Gutachten.

Nach Meinung des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie, Manfred Thielen, haben nicht wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag für die Ablehnung der HP gegeben, sondern „machtpolitische und lobbyistische“ Interessen. „Es geht schließlich um den großen Markt der Approbationsausbildungen, der von verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Instituten beherrscht wird“, heißt es in einer Stellungnahme der AGHPT. Denn alle Vertreter des WBP gehörten den Richtlinienverfahren an, niemand einem humanistischen Ansatz.

HP nur in Kliniken und privat

Enttäuschend ist das Votum des WBP nach Thielens Ansicht nicht nur für die Psychotherapeuten, die seit Jahrzehnten mit humanistischen Ansätzen arbeiten, sondern auch für Patienten. Sie könnten künftig nur noch in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie in Privatpraxen mit Humanistischer Psychotherapie behandelt werden. Dort ist die Anwendung der HP weiterhin möglich.

Die Bewertungen des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie für „in hohem Maße sachwidrig“ hält Prof. Dr. Jürgen Kriz, im Namen der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e. V. (GwG). Kriz hat den Antrag der AGHPT 2012 federführend ausgearbeitet. „Wir haben über 300 Wirkstudien vorgelegt, die überwiegend in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert worden waren. Von diesen hat der WBP lediglich 29 Studien als Wirksamkeitsnachweise nach seinen Kriterien anerkannt“, sagt Kriz. Petra Bühring

Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie http://daebl.de/AF54

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Pimenidou
am Dienstag, 13. Februar 2018, 23:17

Titel irreführend

In diesem Arktikel steht nicht:
- Der WBP hat Studien abgelehnt, welche z.B. der Habilitation an einer deutschen medizinischen Fakultät zugrunde lagen, oder eine solche, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, in der renommierten Zeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics veröffentlicht und von den Juroren der Society of Psychotherapy Research mit dem internationalen Forschungspreis der SPR ausgezeichnet worden war.
- Der WBP hat Studien abgelehnt, die er selber 2002 für die Gesprächspsychotherapie als "wissenschaftlich anerkannt" hat.
- Der WBP hat den Antrag der Humanistischen Psychotherapie an einer einzigen, aus seiner Sicht fehlenden Studie für den Indikationsbereich der „Angststörungen und Zwangsstörungen“ „scheitern“ lassen, für den Bereich Affektive Störungen sowie zwei weitere Indikationsbereiche lagen ausreichend Studien für eine Anerkennung der HPT insgesamt vor.
-Die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) hatte die Ablehnung von 9 RCT-Studien zum Angstbereich beanstandet. Ein Beispiel für die Unredlichkeit der Prüfung ist eine Studie von „Ascher, 1986“, die mit der Begründung abgelehnt wurde, sie hätte keine Humanistische Psychotherapie sondern Verhaltenstherapie untersucht. Die AGHPT legte in ihrer Stellungnahme ein Schreiben von Ascher vor, dass er als Ehrenmitglied der Wiener Existenzanalytiker die Vorgehensweise in dieser Studie persönlich mit Viktor Frankl, dem Begründer der Existenzanalyse, abgesprochen habe und der Kern der Interventionen sich an dessen Konzept "paradoxer Intention" orientiere. Gleichwohl hielt der WBP an seiner Sicht fest, in der Studie handle es sich um Verhaltenstherapie und ignorierte damit die Aussage des Autors.
- Die Aufteilung in "10 Ansätze" ist ein willkürlicher Zersplitterungsakt des WBP. Der Antrag der AGHPT spricht von 6 Humanistischen Methoden innerhalb des Humanistischen Verfahrens (Gesprächspsychotherapie, Gestaltpsychotherapie, Psychodrama, Körperpsychotherapie, Transaktionsanalyse und Existenzanalyse).
-Der WBP besteht fast ausschließlich aus Verhaltenspsychotherapeuten, und Psychodynamischen Psychotherapeuten und darf entscheiden ob die Humanistischen Psychotherapie zu einer Konkurrentin werden darf.
Deswegen bin ich auch der Meinung, dass diese Gutachten unwissenschaftlich, lobbyistisch und sachwidrig ist. Und ich frage mich, wieso der Artikel diese Überschrift trägt?

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