ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Extrembergsteiger: Krankheitsbild – „Isolierte höhenbedingte Psychose“

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Extrembergsteiger: Krankheitsbild – „Isolierte höhenbedingte Psychose“

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 66

Hillienhof, Arne

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Notfallmediziner von Eurac Research aus Bozen und Psychiater der Medizinischen Universität Innsbruck haben psychotische Episoden in extremen Höhen analysiert und beschreiben jetzt ein neues Krankheitsbild: die isolierte höhenbedingte Psychose. Ihre Studienergebnisse hat das Fachjournal Psychological Medicine veröffentlicht. Die Wissenschaftler geben ein Beispiel: Als Jeremy Windsor im Jahr 2008 den Mount Everest bestieg, machte er in den einsamen Bergen eine seltsame Erfahrung, die er mit vielen Extrembergsteigern teilt. Auf 8 200 Höhenmetern traf er einen Mann namens Jimmy, der ihn den ganzen Tag begleitete, einige ermunternde Worte zu ihm sprach und dann spurlos verschwand.

Erzählungen wie diese sind in der Alpinliteratur häufig. Bislang führten Mediziner das oben beschriebene „Dritte-Mann-Phänomen“ sowie andere akustische, optische und olfaktorische Halluzinationen auf organische Ursachen zurück. Sie treten neben Symptomen wie starken Kopfschmerzen, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen häufig als Begleiterscheinung eines Hirnhöhenödems auf. Die Autoren haben rund 80 psychotische Episoden aus der deutschen Bergliteratur gesammelt und ihre Symptome systematisch analysiert. Sie kommen zu einem anderen Ergebnis. „Durch die Studie haben wir herausgefunden, dass es eine Gruppe von Symptomen gibt, die rein psychotisch sind, das heißt, dass sie zwar mit der Höhe zusammenhängen, jedoch weder auf ein Höhenhirnödem noch auf andere organische Faktoren wie Flüssigkeitsverlust, Infektionen oder organische Erkrankungen zurückzuführen sind“, erläuterte Hermann Brugger, Leiter des Instituts für Alpine Notfallfallmedizin.

Die isolierte höhenbedingte Psychose tritt meist über 7 000 Höhenmetern auf. Über ihre Ursachen können die Forscher derzeit nur Mutmaßungen anstellen: Faktoren wie Sauerstoffmangel, der Umstand, völlig auf sich allein gestellt zu sein, und eine beginnende Schwellung in gewissen Hirnregionen könnten die Psychose auslösen. Soweit bekannt, verschwinden die Symptome vollständig, sobald die Alpinisten die Gefahrenzone verlassen und vom Berg absteigen – außerdem erleiden sie keine Folgeschäden. „Diese Erkenntnis erlaubt es uns, vorübergehende Psychosen an ansonsten völlig gesunden Menschen genauer zu untersuchen, das kann uns wichtige Hinweise zum Verständnis psychiatrischer Krankheiten geben“, so Hüfner. Es sei wichtig, dass Bergsteiger die Studienergebnisse kennen, um Unfälle zu vermeiden. hil

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Hüfner K, Brugger H, Kuster E, Dünsser F: Isolated psychosis during exposure to very high and extreme altitude – characterisation of a new medical entity. Psychological Medicine 2017;
doi: 10.1017/S0033291717003397

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