ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Psychotherapie: Patienten ratlos und überfordert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Während die hessische Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Strukturreform positiv bewertet und sie der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer kritisiert, handelt es sich auf Patientenseite um Strukturen, vor denen man in der Hoffnung auf Verbesserung durchaus ratlos überfordert steht. 1. Meine Therapeutin (4er-Praxengemeinschaft) „pflaumt“ mich an, ob ich mich denn nicht erinnerte, dass ihre Telefonsprechzeit immer dienstags sei. Da man die vorgeschriebene auszuweitende telefonische Erreichbarkeit auch per Vertretung sicherstellen kann, vertreten sich die Parteien gegenseitig, sodass jede einzelne faktisch nicht mehr Sprechzeit anbieten muss als die bisherigen je 40 Praxisminuten. Direkt erreichen kann ich meine Therapeutin aber wie bisher nur dienstags innerhalb ihrer 40 Minuten. Auch wenn die Anforderungen rein rechnerisch erfüllt sind, verbessert sich im Grunde nichts. Okay, es sei ihnen gegönnt, damit die Erreichbarkeit keine Therapieplätze kostet. 2. Seit meine Verhaltenstherapie Ende 2016 regulär beendet ist, darf ich noch zweimal je Quartal zu einzelnen Gesprächen kommen, wenn konkret thematischer Bedarf besteht. Obwohl sich meine Verfassung infolge nun schwerer psychosomatischer Beschwerden verschlechtert hat (chronische Schmerzsymptomatik), vertritt meine Therapeutin weiterhin den Standpunkt der Notwendigkeit des Einhaltens der zweijährigen Therapiepause. Der deshalb drängende Bedarf zur Inanspruchnahme einer Sprechstunde bei einer psychosomatisch arbeitenden Kollegin führt zur Auskunft, dass diese die Termine über die KV vergeben lasse. Ich solle dort meinen Wunsch nach einem Termin bei ihr äußern. Die KV erklärt, keine Wunschtherapeuten zu vermitteln. Somit bliebe der Aspekt der Passung also komplett auf der Strecke. Sie macht netterweise eine Ausnahme. Die Sprechstundennutzung endet mit Empfehlung zur Akutbehandlung. Sie selbst habe aber keinen Platz frei. Meine Therapeutin erklärt, grundsätzlich keine Akutbehandlungen anzubieten. Wenn jemand Therapiebedarf habe, dann brauche er eine reguläre Therapie. Die Akutempfehlung scheint sie nicht zu rühren. Sich meiner nochmal therapeutisch anzunehmen, wenn ein Platz frei wird, bietet sie jedenfalls nicht an. Der Psychiater, den ich zeitgleich aufsuche, sieht intensiveren therapeutischen Gesprächsbedarf, um aufzubrechen, was noch im Körper wühlt. Er stellt einen Antrag auf psychosomatische Reha. Rentenversicherungsträger und Krankenkasse lehnen die Kostenübernahme ab. Ich solle erst die ambulanten Möglichkeiten nutzen. Was für ein ausgereiftes System. Man geht vor die Hunde und niemand fühlt sich zuständig. Gut nur, dass noch ein letzter Zipfel meines Selbst am Leben hängt. Es gäbe mich ansonsten nicht mehr.

Sabine Schemmann, 44807 Bochum

Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote