ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Kinderrehabilitation: Opas Kinderkur ist tot
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Gerade die Wahrnehmung dieses Sektors als gesundheitsökonomische Petitesse erschwert Kostenträgern und Politik sachlich erforderliche, aber unpopuläre Entscheidungen. Es könnten „zwei Millionen Betroffene von einer Rehabilitation profitieren, aber nur 50 000 Kinder würden jährlich in einer der rund 60 Reha-kliniken behandelt“, so wird das Bündnis für Kinder- und Jugendreha zitiert. Jeder ein wenig mit der Problematik vertraute Kinderarzt weiß, dass derartige Bewertungen keineswegs seriös und problemorientiert sind. In den letzten Jahrzehnten wurden in Deutschland kompetente Kinderpneumologen und -allergologen ausgebildet, die selbstverständlich mit ihrer Expertise die große Zahl allergisch erkrankter Kinder vor Ort, das heißt wohnortnah und ambulant versorgen können. Das „Verschicken“ in eine Kurklinik, … ist heute ein Relikt aus einer Versorgungswelt ohne hinreichenden Effizienznachweis. Hier eine zu befürchtende „Einschränkung der Erwerbsfähigkeit“ anzuführen, ist naiv und weder redlich noch glaubwürdig. Stattdessen sind noch immer nennenswerte Fehlbelegungen von Kinderkurkliniken durch weitgehend gesunde Kinder mit „physiologischer“ Infektanfälligkeit und exzellenter Prognose an der Tagesordnung. Jeder, der die Materie kennt, gibt dies immer wieder auf Befragen augenzwinkernd zu, allerdings im Gespräch und nicht in der politischen Arena. Politische Entscheidungsträger sind gutwillig, jedoch eindeutig überfordert. Sie entscheiden in diesem auch emotional besetzten Feld oftmals opportunistisch.

Kinderrehakliniken haben, wie alle Versorgungsstrukturen, Effizienznachweise zu erbringen. Die Forderung nach mehr Kinderrehabilitationen geht in die völlig falsche Richtung und ist nicht mehr als durchsichtige Lobbypolitik. Nicht nur niedergelassene Ärzte haben eine „kritische Haltung zur Rehabilitation“, vielmehr sind wissenschaftlich seriöse Evaluationen zu Kinderkuren kaum vorhanden, wobei einzelne spezialisierte Einrichtungen für Kinder mit Asthma, Neurodermitis, Mukoviszidose, Rheuma oder Diabetes ausdrücklich auszunehmen sind. Diese qualifiziert arbeitenden Fachkliniken arbeiten anspruchsvoll und vermitteln Schulung sowie Selfmanagement für chronisch kranke Kinder und Kompetenz der betreuenden Familien.

Die Diagnose 2017 lautet somit: Es gibt immer noch zu viele Einrichtungen, die überflüssig sind. Opas Kinderkur ist tot! Was unsere Kinder brauchen, ist eine überschaubare Zahl von Spezialeinrichtungen, die die wohnortnahe Versorgung sinnvoll ergänzen können. Diese sind optimal auszustatten und personell hochkarätig zu besetzen.

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Prof. Dr. med. Ulrich Wahn, 14532 Kleinmachnow

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