ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Bipolar erkrankte Eltern: Kinder übernehmen zu viel Verantwortung

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Bipolar erkrankte Eltern: Kinder übernehmen zu viel Verantwortung

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 81

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Britische Psychologen um Rachel Calam von der University of Manchester (GB) interessierten sich dafür, wie Kinder die bipolare Erkrankung ihrer Eltern wahrnehmen. Sie interviewten neun Jungen und ein Mädchen im Alter zwischen vier und zehn Jahren mit einem speziellen computergestützten Interviewverfahren („In your shoes“), bei dem Bilder und Stichwörter die Kinder zum Erzählen anregen sollten. Auf diese Weise erfuhren die Autoren, dass auch schon die jüngsten Kinder von der Erkrankung wussten und die Symptome beschreiben konnten. Allerdings kannten sie nicht immer die klinische Bezeichnung, sondern äußerten nur, „dass es Mama manchmal nicht gut geht“. Die meisten Kinder reagierten sensibel auf die Stimmungen ihrer Eltern und waren traurig, besorgt oder wütend wegen der Erkrankung. Sie hatten jedoch zahlreiche Strategien entwickelt, um mit den Krankheitsschüben der Eltern umzugehen, zum Beispiel indem sie ihnen aus dem Weg gingen oder sich ablenkten. Unterstützung erhielten sie beispielsweise von Großeltern oder Freunden. Darüber hinaus erledigten sie viele Aufgaben eigenständig und ohne elterliche Anleitung. Dem Familienleben konnten sie sowohl negative als auch positive Aspekte abgewinnen und bezeichneten es beispielsweise als anstrengend, aber auch als abwechslungsreich. „Die Mehrzahl der Kinder hatte eine enge Bindung an ihre Eltern, trotz aller Probleme“, sagen die Autoren und ergänzen, dass die interviewten Kinder insgesamt gut an ihre besondere Situation angepasst waren. Allerdings meinten die Kinder, dass sie schuld daran seien, wenn die erkrankte Mutter oder der Vater wütend schrie oder traurig weinte. Darüber hinaus haben Kinder psychisch erkrankter Eltern ein hohes Risiko, die Eltern- oder Partnerrolle zu übernehmen und sich verantwortlich für das Familienleben, den Haushalt, die Beziehungen und vieles andere zu fühlen, was sie auf Dauer überfordern und zur Entwicklung psychischer Störungen führen kann. Calam und Kollegen empfehlen daher, den inneren Zustand von Kindern psychisch erkrankter Eltern mithilfe geeigneter Interviewverfahren regelmäßig zu erfassen, um rechtzeitig reagieren zu können, wenn es Anzeichen für ernsthafte negative Entwicklungen gibt. ms

Backer C, Murphy R, Fox J, Ulph F, Calam R: Young children‘s experiences of living with a parent with bipolar disorder. Psychology and Psychotherapy 2017; 90 (3): 212–228.

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