ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2018Behandlungsfehler und Irrtümer: Auseinandersetzung mit Ethik und Verantwortung

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Behandlungsfehler und Irrtümer: Auseinandersetzung mit Ethik und Verantwortung

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 84

Sasse, Heiner

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Ralf Zwiebel gelingt es, wesentliche unerwünschte Ereignisse in Psychotherapien in einem neuen Modell zur Irrtums- und Fehlerkultur zu erkennen und aufzuzeigen sowie Grenzen, Risiken und Chancen von verantwortungsvoller Psychotherapie zu beschreiben. In sechs Kapiteln umreißt er das komplexe Thema unter umfassender Berücksichtigung der aktuellen Literatur, damit ist auch für bereits Informierte ein Erkenntniszuwachs gesichert. Er fordert – und das ist in Zeiten von fragwürdigen Qualitätssicherungsvorstellungen nicht selbstverständlich –, die psychoanalytische Therapie als eine „durch und durch … ethische Praxis anzusehen …“ .

Die Auseinandersetzung mit Fragen der Ethik und Verantwortung in der Psychotherapie ist dringend notwendig, hier gelingt sie umfangreich, anregend und motivierend. Diese Thematik wird im Verlauf unter verschiedensten Aspekten wiederholt aufgegriffen und vertieft. Seine neue Theorie einer Fehler- und Irrtumskultur ist dadurch gut begründet und wird in der gebotenen Differenzierung und Komplexität deutlich. Der Autor vermeidet jede verabsolutierende Position, fordert stattdessen ein ständiges Oszillieren zwischen mehreren immer unauflösbar bleibenden Bipolaritäten (Innen- und Außenperspektive, bewusst – unbewusst, forschen – heilen) und belegt diese Haltung an vielen Beispielen und konkreten Konfliktlagen dadurch überzeugend.

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Zwiebel unterscheidet dabei zwischen zwei Bereichen: Einerseits erläutert er Behandlungsfehler als Ursache von Misserfolgen, Schädigungen und unerwünschten Nebenwirkungen; sie basieren auf Handlungen, bei denen die professionellen Standards nicht eingehalten werden. Hier verortet er die Verantwortung allein beim Behandler. Andererseits beschreibt er das psychotherapeutische Beziehungsgeschehen als geradezu dadurch mitbestimmt, dass Irrtümer, Täuschungen, Missverständnisse und auch Fehlhandlungen – besonders auch durch die Macht der Worte bei Deutungen – dem verstehend-analysierenden Prozess inhärent sind. Hier gilt es, aus den (notwendigen) Irrtümern und den hoffentlich vorläufigen Fehleinschätzungen zu lernen, sie in konstruktive und fördernde Bahnen zu lenken. Die Verantwortung für dieses Geschehen sieht Zwiebel als geteilte Verantwortung.

In den zentralen Kapiteln zu diesen beiden Bereichen wird der Unterschied zwischen Irrtümern als konstruktive und Kunstfehlern als destruktive Ereignisse so klar beschrieben, dass trotz der unauflösbar bestehenden Grauzonen zwischen beiden Bereichen eine Unterscheidung möglich wird. Besonders imponiert dabei die Differenzierung der Irrtumskultur anhand von neun Elementen, die in ihrer doppelten Bedeutsamkeit ausführlich dargestellt werden.

Zwiebel hat ein mutiges, ehrliches und unverzichtbares Buch vorgelegt. Die förderliche, ermutigende und zugleich motivierende Haltung des erfahrenen Analytikers erleichtert die Annäherung wie Vertiefung an diese schweren Konflikte erheblich. Für Ausbilder und Kandidaten sollte es Basislektüre werden, für Praktiker sehr empfohlen sein. Heiner Sasse

Ralf Zwiebel: Vom Irrtum lernen. Behandlungsfehler und Verantwortung in der psychoanalytischen und psychotherapeutischen Praxis. Klett-Cotta-Verlag , Stuttgart 2017, 245 Seiten, gebunden, 32,00 Euro

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