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Kulturhauptstadt 2018: Leeuwarden – offen und eigenwillig

PP 17, Ausgabe Februar 2018, Seite 86

Traub, Ulli

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Die niederländische Stadt lag bisher eher abseits der Touristenpfade. Jetzt überzeugte es mit einem ehrgeizigen Kulturprogramm die europäischen Juroren.

Kultur zum Mitmachen: Die Friesen waren aufgerufen, sich an der organisatorischen und künstlerischen Planung im Rahmen der Kulturhauptstadt zu beteiligen.
Kultur zum Mitmachen: Die Friesen waren aufgerufen, sich an der organisatorischen und künstlerischen Planung im Rahmen der Kulturhauptstadt zu beteiligen.

Leeuwarden, Hauptstadt der Provinz Friesland, steht bislang nicht im Fokus der Kulturreisenden. Zu abseits die Lage, zu gering die überregionale Bedeutung der Kulturangebote. Und doch darf sich die Stadt im Nordwesten der Niederlande Europäische Kulturhauptstadt 2018 nennen (neben Valletta auf Malta). Denn dieser Titel wird nicht aufgrund einer Vielzahl von Museen und Theatern vergeben, sondern für den Entwurf eines thematisch ausgerichteten Kulturprogramms. Und der überzeugte die internationale Expertenjury, die im Auftrag der Europäischen Union über die Vergabe entschied.

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„Iepen Mienskip“ lautet das Thema des Programms. Das ist Friesisch und bedeutet offene, aber auch eigenwillige Gesellschaft. Dabei wurde die gesamte Provinz zur Spielstätte erklärt und die Bevölkerung war aufgerufen, sich in organisatorischen und künstlerischen Belangen zu beteiligen.

Im Fries Museum erinnert bis zum 2. April eine Ausstellung an das Leben der Mata Hari, die 1876 in Leeuwarden geboren und als vermeintliche Spionin 1917 von den Franzosen hingerichtet wurde. Das 2013 eröffnete Museum liegt am Wilhelminaplein. Hier ist das kaum 100 000 Einwohner zählende Leeuwarden ganz Metropole. Vis-à-vis vom Museumskomplex, der die Dimensionen der eher kleinteiligen, von Grachten durchzogenen Stadt zu sprengen scheint, steht der Justizpalast, der seine Tempelfront dem Platz zuwendet. Im Hintergrund trägt ein 115 Meter hoher Büroturm zur heftigen Konfrontation von Alt und Neu bei, wie es typisch ist für viele niederländische Städte.

Am Rand der Altstadt, in der Blokhuispoort aus dem 16. Jahrhundert, liegt die Zentrale der Kulturhauptstadt mit Infozentrum, Café sowie Ausstellungs- und Projekträumen. In dem Kulturkomplex war bis 2007 das Gefängnis untergebracht. Das neue Hostel erinnert daran, man schläft in Zellen. Opulenter nächtigten die Damen und Herren des Hauses Oranien-Nassau. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts residierten sie in Leeuwarden als Statthalter für die nördlichen Provinzen. Ihre Paläste prägen noch an vielen Stellen das Stadtbild.

Ein Altar zum Wegrollen

Das postmoderne Theater der Stadt, De Harmonie, ist ebenso Austragungsstätte der Kulturhauptstadt wie das Naturmuseum, das im alten Stadtwaisenhaus seinen Sitz hat, und die Jakobinerkirche, wo die Nassauer ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Heute gibt es in dem Gotteshaus einen mobilen Altar, der weggerollt werden kann, wenn Konzerte stattfinden. Einnahmen sind nötig, um die Existenz der Kirche zu sichern. Auch das ehemalige jüdische Viertel und der heutige Multikulti-Stadtteil Vorstreek und seine Bewohner werden ins Programm einbezogen.

Vom Wattenmeer und den westfriesischen Inseln bis in die Wälder an der Grenze zur Provinz Drenthe werden vor allem Musik- und Kunstprojekte realisiert. Landschaftskunst wird die Küste an mehreren Orten verändern. Auf einem Bauernhof im Dorf Húns soll gezeigt werden, wie biologischer Anbau und Kunst zusammenfinden können, während man in der früheren Kolonie Frederiksoord die Gründung der „Gesellschaft für Wohltätigkeit“ vor 200 Jahren feiert. Sie hatte seinerzeit mit landwirtschaftlichen Maßnahmen erfolgreich die Armut bekämpft. Eine besondere Rolle kommt den friesischen Dörfern zu. Tatsächlich sind viele sehenswert, nicht nur bekannte Örtchen wie Hindeloopen am Ijsselmeer oder das idyllische Ijlst bei Sneek. Einen roten Faden bildet zudem das Thema Wasser, naheliegend bei so viel Meer und Seen, Kanälen und Grachten. Bei der Wasserparade in Leeuwarden widmen sich Künstler dem Thema. Und auf dem dortigen Wassercampus wird eine futuristische Bar Gäste empfangen. Hier darf dann genetzwerkt werden, schließlich ist die Universitätsstadt europäischer Marktführer in Sachen Wassertechnologie. Ulli Traub

www.2018.nl; www.friesland.nl/de

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