ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2018Öko­nomi­sierung: Problematische Melange
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... Als Ärzte sollten wir eine gewisse Zurückhaltung pflegen, uns in diesen Fragen stets als Fürsprecher von Patienteninteressen zu positionieren. Patienten sind in den meisten Lebenslagen nicht nur Patienten, sondern auch Eltern, Steuerzahler, Konsumenten usw., mit einer hohen Pluralität von Interessen. Eine Steuerung ärztlicher Leistungen nach übergeordneten Prinzipien steht der ärztlichen Ethik insofern nicht entgegen, sondern ist bis zu einem gewissen Grade sogar gerade aus dieser Ethik heraus geboten. Dies auch deshalb, weil tatsächlich alle Fakten dafür sprechen, dass das der Fall ist, wogegen Herr Prof. Dr. Unschuld sich mit viel Emphase wendet: Der Arztberuf ist in vielerlei Hinsicht durchaus ein „Beruf wie jeder andere“. Worin sollte er sich denn grundlegend unterscheiden? Viel Verantwortung für Menschen, sogar Menschenleben, haben Ärzte je nach Tätigkeitsfeld in unterschiedlichem Ausmaß; gewiss gilt dies aber auch für Fluglotsen, Baustatiker oder Feuerwehrleute. Ob eine vollständige Hingabe an einen als „Berufung“ empfundenen Beruf unter Vernachlässigung jeglicher Work-Life-Balance erstrebenswert ist, ist diskutabel. Ein Alleinstellungsmerkmal des Arztberufs ist es sicher nicht, ähnliche Lebensstile finden sich bei vielen Wissenschaftlern, Kunstschaffenden, Profisportlern, Journalisten, Politikern und anderen mehr. Wenn eine nachwachsende Generation von jungen Ärztinnen und Ärzten zunehmend den Anspruch hat, auch ein Privatleben zu führen, ist das ihnen nicht vorzuwerfen und hat mit einem Mangel an „Entscheidungsfähigkeit und Verantwortung“, wie von Herrn Prof. Dr. Unschuld insinuiert, ebenso wenig zu tun wie mit einer unaufhaltsamen Entgleisung des medizinischen Systems. Auch weiterhin benötigt das Gesundheitswesen eine kluge Balance von Plan- und Marktelementen, die, entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt, durchaus im Einklang mit der ärztlichen Ethik, den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten und der im Gesundheitswesen Tätigen gestaltet werden kann – nie mit der Erreichung einer idealen Welt aus der Sicht einer dieser Gruppen, sondern immer nur mit vielfältigen Kompromissen. Darin kann sich in gewisser Weise sogar ärztliche Kunst wiederfinden.

Prof. Dr. med. Tilman Steinert, 88214 Ravensburg

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