ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2018Rechtsreport: Arzt muss Laborbefund auswerten

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Rechtsreport: Arzt muss Laborbefund auswerten

Dtsch Arztebl 2018; 115(7): A-307 / B-263 / C-263

Berner, Barbara

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Ein Arzt, der eine Laboruntersuchung veranlasst, diese jedoch nicht auswertet oder mit dem Patienten bespricht, handelt grob fahrlässig. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Koblenz entschieden. Im vorliegenden Fall hatte ein Hausarzt aufgrund einer anstehenden Operation bei einer Patientin Blut entnommen. Die Laborergebnisse, die auf eine Leukämie hindeuteten, nahm er jedoch nicht zur Kenntnis. Denn die Patientin holte den Befund ohne ärztliches Gespräch in der Praxis ab. Vier Monate später diagnostizierte man bei ihr eine akute Leukämie und eine Lungenentzündung. In der Folge erlitt die Patientin einen Hirninfarkt, an dem sie starb.

Das Landgericht sprach den Eltern der Patientin ein Schmerzensgeld in Höhe von 20 000 Euro zu. Die Berufung des Hausarztes war erfolglos. Das Urteil des Landgerichts, dass bei dem Arzt einen groben Organisationsfehler festgestellt habe, sei nicht zu beanstanden, entschied das OLG. Denn in der Praxis sei nicht sichergestellt, dass der Arzt Laborbefunde auch ohne erneuten Patientenkontakt zur Kenntnis nehme. Zudem sei auf der Grundlage eines onkologischen Sachverständigengutachtens mit überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die unbehandelte Fortentwicklung der Leukämie Ursache für die Lungenentzündung war und diese zum Hirninfarkt führte.

Das OLG stellte klar, dass der Erstschädiger grundsätzlich für alle kausalen Schadenfolgen haftet. Die Verantwortung für den durch ihn entstandenen Schaden müsse er auch dann übernehmen, wenn der Patient von einem anderen Arzt weiterbehandelt werde und diesem eigene Behandlungsfehler unterliefen. Der Erstschädiger hafte nur dann nicht, wenn der weiterbehandelnde Arzt sich völlig ungewöhnlich und unsachgemäß verhalte. Das OLG hält auch die Höhe des Schmerzensgeldes für angemessen, das sich nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs vom Maß der Lebensbeeinträchtigung ableitet. So habe die Patientin mindestens drei Monate lang unter Schmerzen und Fieber gelitten. Dass die Patientin die Laborbefunde in der Praxis nur abgeholt und ein Arzt-Patienten-Gespräch verhindert habe, begründe kein Mitverschulden nach § 254 Abs. 1 BGB, das eine Minderung des Schmerzensgeldanspruchs rechtfertige. Denn dass der Arzt die erhobenen Befunde auswerte, gehöre zu dessen Pflichten.

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OLG Koblenz, Beschluss vom 25. September 2017, Az.: 5 U 427/17 (die Berufung wurde auf den Hinweisbeschluss des Gerichts zurückgenommen) RAin Barbara Berner

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