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Wir danken den Kollegen für ihre Anmerkungen und möchten zu den Punkten wie folgt Stellung nehmen:

Repräsentativität: Niedrige Teilnahmequoten in primärärztlichen Studien sind ein grundlegendes Problem, welches Unsicherheit bezüglich eines Bias durch Selektion mitsichbringt (1). Jenseits von Spekulationen gibt es keine Möglichkeit eindeutig zu klären, ob es durch Nicht-Teilnahme tatsächlich zu einer systematischen inhaltlichen Verzerrung der Aussagen kommt. Angesichts unserer großen heterogenen Arztstichprobe erscheint es uns allerdings unwahrscheinlich, eine solche anzunehmen. Eine höhere Beteiligung an öffentlich geförderten Studien unabhängiger und interdisziplinärer Forschungsgruppen wäre zweifellos sehr wünschenswert, scheint aber trotz eines immensen Aufwands unrealistisch.

Diagnostisches Screening: Angesichts des hohen Zeitaufwands einer lege artis, differenzialdiagnostisch abgesicherten klinischen Depressionsdiagnose sind wir in der primärärztlichen Versorgung auf Screening-Verfahren mit möglicherweise eingeschränkter Spezifität angewiesen. Mit dem Depression Screening Questionnaire (DSQ) haben wir ein diagnostisches Screening mit gut untersuchter Reliabilität sowie akzeptabler Sensitivität und Spezifität im Vergleich zum Goldstandard diagnostische Interviews eingesetzt (2). Die so erhobenen Symptome einer depressiven Episode entsprechen der Zeitdauer, die gemäß etablierter Kriterien erforderlich ist, um die Diagnose einer depressiven Episode stellen zu können (2 Wochen). Die Persistenz wird ebenfalls abgebildet („an den meisten Tagen“). Insofern ist es zwar richtig, dass mit dem DSQ keine klinisch gesicherte Diagnose möglich ist, wohl aber die Feststellung eines depressiven Syndroms und eine Abgrenzung von zum Beispiel vorübergehenden situativen Verstimmungen.

Schweregrad: Die Ergebnisse werden durchweg differenziert nach Schweregrad berichtet. Selbst in dem angesprochenen Durchschnittswert gehen insbesondere bei der Behandlungsgüte die Ergebnisse analog des Schweregrades ein. Zudem wird begründet, warum in dieser Querschnittstudie auch bei leichtgradiger Depression entgegen der Leitlinie eine psychopharmakologische Behandlung als evidenzbasiert eingeordnet wird: Zum einen können vormals durch eine mittel- bis schwergradige Depression betroffene Patienten durch Psychopharmakotherapie aktuell partiell remittiert sein; zum anderen ist nicht zu vernachlässigen, dass die Verfügbarkeit einer ambulanten Psychotherapie eingeschränkt sein kann beziehungsweise vom Patienten gar nicht gewünscht wird. Dies wurde beschrieben und stellt eine Versorgungsrealität dar.

Unterversorgung: Wir beziehen und diskutieren Unterversorgung lediglich auf spezifische Subgruppen (nicht erkannte Patienten) und spezifische Behandlungskomponenten (wie fehlende Hinweise auf leitliniengerechte Kombinationsbehandlung bei schwerer Depression, Psychotherapie bei anhaltender leichter Depression). Insgesamt teilen wir die Interpretation, dass die Behandlungsquoten bei Patienten mit ärztlich diagnostizierter Depression positiv ausfallen. Zurecht wird darauf hingewiesen, dass die Therapie komplex ist; beispielsweise sollen laut Nationaler VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression bei der Therapieplanung der Patient, gegebenenfalls auch Angehörige, einbezogen und Prinzipien der gemeinsamen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden (3).

Diese Komplexität ist in einer einzelnen Forschungsarbeit nur begrenzt darstellbar und nicht alle vorliegenden Daten konnten im Detail einbezogen werden. Weiterführende Analysen sind nötig, um die vielfältigen Gründe näher zu beleuchten, die dem Einsatz der empfohlenen Therapien gemäß Leitlinie entgegenstehen (4).

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0134

Für die Autoren

Prof. Dr. rer. nat. habil. Katja Beesdo-Baum

Technische Universität Dresden, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie

Behaviorale Epidemiologie & Center for Clinical
Epidemiology and Longitudinal Studies
Katja.Beesdo-Baum@tu-dresden.de

Interessenkonflikt

Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Güthlin C, Beyer M, Erler A, et al.: Rekrutierung von Hausarztpraxen für Forschungsprojekte. Erfahrungen aus fünf allgemeinmedizinischen Studien. ZFA 2012; 88: 173–8
2.
Beesdo-Baum K, Knappe S, Einsle F, et al.: Wie häufig werden Patienten mit depressiven Störungen in der hausärztlichen Praxis erkannt? Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2018; 61: 52–64 CrossRef MEDLINE
3.
Trautmann S, Beesdo-Baum K, Knappe S, et al.: The treatment of depression in primary care—a cross-sectional epidemiological study. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 721–8 VOLLTEXT
4.
Mack S, Jacobi F, Gerschler A, et al.: Self-reported utilization of mental health services in the adult German population—evidence for unmet needs? Results of the DEGS1-MentalHealthModule (DEGS1-MH). Int J Methods Psychiatr Res 2014; 23: 289–303. CrossRef MEDLINE
1. Güthlin C, Beyer M, Erler A, et al.: Rekrutierung von Hausarztpraxen für Forschungsprojekte. Erfahrungen aus fünf allgemeinmedizinischen Studien. ZFA 2012; 88: 173–8
2. Beesdo-Baum K, Knappe S, Einsle F, et al.: Wie häufig werden Patienten mit depressiven Störungen in der hausärztlichen Praxis erkannt? Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2018; 61: 52–64 CrossRef MEDLINE
3.Trautmann S, Beesdo-Baum K, Knappe S, et al.: The treatment of depression in primary care—a cross-sectional epidemiological study. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 721–8 VOLLTEXT
4. Mack S, Jacobi F, Gerschler A, et al.: Self-reported utilization of mental health services in the adult German population—evidence for unmet needs? Results of the DEGS1-MentalHealthModule (DEGS1-MH). Int J Methods Psychiatr Res 2014; 23: 289–303. CrossRef MEDLINE

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