ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Thomas Addison hatte den Forscherblick

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Thomas Addison hatte den Forscherblick

Dtsch Arztebl 2018; 115(8): [76]

Schuchart, Sabine

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Er brillierte als Arzt, Wissenschaftler und Medizinlehrer am berühmten Guy’s Hospital in London, gleichzeitig litt er immer wieder an Depressionen. Addison erkannte im 19. Jahrhundert als Erster die lebenswichtige Bedeutung der Nebennieren.

Die Funktion der Nebennieren und sogar ihre Existenz waren in der Medizin lange umstritten. Im 16. Jahrhundert beschrieb der päpstliche Leibarzt und große Anatom der Renaissance, Bartolomeo Eustachi, erstmals die den Nieren aufliegenden winzigen Organe, doch in den folgenden gut 250 Jahren verschwanden sie aus dem Blickfeld oder galten höchstens als „Lückenfüller“. Erst mit dem neuen medizinisch-naturwissenschaftlichen Verständnis im 19. Jahrhundert richteten Wissenschaftler und Ärzte ihr Augenmerk auf die pyramidenförmigen Gebilde. Die erste umfassende, auf exakten klinischen Beobachtungen und anatomischen Befunden basierende Darstellung einer Nebennierenerkrankung lieferte 1855 Thomas Addison. Die von ihm erfassten Symptome und deren Ursache haben bis heute Gültigkeit (Kasten). Allerdings erwies sich später, dass nicht alle elf seiner Patienten an einer Rindeninsuffizienz mit Anämie gelitten hatten, sondern einige an der damals ebenfalls letalen perniziösen Anämie, seinem zweiten Steckenpferd als Forscher.

Seinem Ruhm tat dies keinen Abbruch, zumal dem Arzt noch keine feingeweblichen, histologischen Untersuchungsmethoden zur Verfügung standen und die Hormonsekretion der Nebennieren zu seiner Zeit noch unbekannt war. Von 1812 bis 1815 hatte der jüngste Sohn eines Kolonialwarenhändlers aus Northumberland Medizin in Edinburgh studiert – entgegen dem Wunsch des Vaters, der den Sohn lieber als Juristen gesehen hätte. Addison, der die „Royal Free Grammar School“ in Newcastle besucht hatte und fließend Lateinisch sprach, graduierte mit 22 Jahren und ließ im August 1815 seine Dissertation über die Therapie der Syphilis mit Quecksilber drucken. Danach sammelte er erste Erfahrungen als praktischer Arzt und Krankenhausmediziner in London. Doch seine eigentliche Karriere begann 1817, als sich der promovierte Mediziner noch einmal zu Studienzwecken am 1721 gegründeten Guy’s Hospital, einer renommierten Lehrklinik, einschrieb. Daraus entwickelte sich eine 37-jährige ungemein fruchtbare Schaffenszeit, in der er vom Wiederstudenten zum Assistenzarzt (1824), Lecturer (1827), Co-Professor (1835), Leitenden Arzt (1837) und dann Professor für Praktische Medizin (1840) aufstieg.

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Addison war ein glänzender Diagnostiker, der perfekt neue Techniken der Befunderhebung etwa mithilfe des Stethoskops beherrschte und klinische Befunde immer wieder infrage stellte. Legendär war seine Gabe, in langen Gesprächen am Krankenbett zur Ursache der Patientenbeschwerden vorzudringen. Es kam aber vor, dass er das Zimmer ohne Therapievorschlag verließ und erst daran erinnert werden musste, ein Rezept zu schreiben, weil ihn diese Seite seines Berufs weniger interessierte. Er galt als genialer, einflussreicher Lehrer, war aber persönlich scheu und verschlossen. Seit Jahrzehnten litt er an Phasen schwerer Depressionen. Deshalb emeritierte er 1860 mit 67 Jahren und starb kurz darauf an einer Schädelverletzung, nachdem er sich in suizidaler Absicht in einen Graben vor seinem Haus gestürzt hatte.

Er hinterließ einige wichtige Bücher und Texte etwa zur Toxikologie, Fettleber, Appendizitis, Lungenentzündung und Tuberkulose. Sein Name aber ist verbunden mit der primären Nebennierenrindenschwäche, die wegen des typischen Hautkolorits heute oft nur „brauner Addison“ heißt. Bekannt wurde die Krankheit im 20. Jahrhundert durch einen prominenten Betroffenen: US-Präsident John F. Kennedy verdankte seine gesunde Gesichtsfarbe nicht nur seinen Segeltörns, sondern auch seinem „braunen Addison“, der ständige Cortisolgaben erforderte. Sabine Schuchart

Morbus Addison

Foto: © Wellcome Collection; Photograph by H. Watkins
Foto: © Wellcome Collection; Photograph by H. Watkins

1855 publizierte Thomas Addison (1793–1860) seine wegweisende Abhandlung „Die Erkrankungen der Nebennieren und ihre Folgen“. Anhand von elf Fällen beschrieb er eine neue, tödlich verlaufende Krankheit, die sich durch so unterschiedliche Symptome wie Anämie, Hypotonie, Schwäche, Magenbeschwerden und Bronzefärbung von Haut und Schleimhäuten auszeichnete. Diese waren, wie er in Sektionen Verstorbener feststellte, durch einen Funktionsausfall der Nebennierenrinde bedingt. Außer in England wurden seine Erkenntnisse vor allem in Frankreich begeistert aufgegriffen: 1856 bewies Charles Édouard Brown-Séquard die Lebensnotwendigkeit der Nebennieren im Tierexperiment und Armand Trousseau, Professor für klinische Medizin am Pariser Hôtel-Dieu, schlug den Namen Morbus Addison für das von dem Londoner Kollegen entdeckte Syndrom vor. Die akute, lebensbedrohliche Zuspitzung wird als Addison-Krise bezeichnet. Wegen Addisons Forschungsbeitrag zur perniziösen Anämie heißt diese auch Addison-Anämie oder Addison-Biermer-Anämie.

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