ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2018Strukturpolitik: Symptom Einsamkeit

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Strukturpolitik: Symptom Einsamkeit

Dtsch Arztebl 2018; 115(8): A-309 / B-265 / C-265

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Einsamkeit ist trostlos, macht traurig und krank. Einer Studie im Fachblatt Heart aus dem Jahr 2016 zufolge erhöht die soziale Isolierung das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Auch wenn solch eine Beobachtungstudie die Risiken nicht abschließend beweisen kann, sind ähnliche Effekte bei psychischem Druck oder Stress bekannt.

Mitte Januar kündigte die britische Premierministerin Theresa May an, ein Ministerium für Einsamkeit einzurichten, um der zunehmenden Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung entgegenzuwirken. Das Thema hat fast zeitgleich Deutschland erreicht. Im von Union und SPD verabschiedeten Koalitionsvertrag heißt es: „Angesichts einer zunehmend individualisierten, mobilen und digitalen Gesellschaft werden wir Strategien und Konzepte entwickeln, die Einsamkeit in allen Altersgruppen vorbeugen und Vereinsamung bekämpfen.“ Die als potenzielle Ge­sund­heits­mi­nis­terin gehandelte CDU-Politikerin Annette Widmann-Mauz unterstrich diese Forderung genauso wie SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der vorschlug, das Thema Einsamkeit einem Verantwortlichen – bevorzugt im Ge­sund­heits­mi­nis­terium – zu geben.

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Die Altersarmut und die Anzahl der Singlehaushalte nehmen seit Jahren kontinuierlich zu. Eine Kombination, die alles andere als rosige Aussichten für künftige Rentnergenerationen bedeutet. Wer will also den Bestrebungen, die Einsamkeit zu bekämpfen, widersprechen? Aber ist es nicht die Beseitigung von Symptomen oder gar der Versuch der Politiker, sich zu profilieren? Denn die zunehmende Vereinsamung hat Ursachen. Und verantwortlich sind auch Politiker.

Beispiel Strukturpolitik: Wer über Jahre den öffentlichen Nahverkehr ausbluten lässt, sodass gerade Ältere und Kranke in ländlichen Regionen isoliert werden, wenn Kommunen auf Einkaufszentren auf der grünen Wiese setzen statt auf attraktive Innenstädte, muss sich nicht wundern, wenn die soziale Isolation vieler Einwohner zunimmt. Beispiel Arbeitsmarktpolitik: Arbeitnehmer sollen immer flexibler ohne festen Standort arbeiten, der Jobwechsel wird zum Leistungsmerkmal, Arbeitsstress verhindert Bindungen. Weniger soziale Kontakte sind die logische Folge. Zudem stellt sich die Frage, wer eigentlich einsam ist und wie man dies feststellt? Gibt es nicht auch Lebensentwürfe, die eben ein Alleinsein beinhalten? Man muss vorher ansetzen. Jetzt reagiert die Politik nur auf ihr eigenes Strukturversagen. Ja, einsame Menschen müssen versorgt werden, so wie Tausende Ehrenamtler mit zu wenig Unterstützung es schon heute machen. Ja, man muss Mehrgenerationenhäuser und ähnliche Projekte fördern.

Grundsätzlich aber müssen ländliche Regionen wieder attraktiver werden. Die Diskussionen um den Ärztemangel machen dasselbe Problem aus anderer Sicht deutlich. Wer will es Medizinern verdenken, wenn sie sich nicht in Regionen niederlassen wollen, in denen keine Schulen, Apotheken und Einkaufsmöglichkeiten mehr existieren, ganz abgesehen von einer schlechten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Hier muss investiert werden. Dazu gehört auch die Stadtentwicklung, die mit überteuerten Mietpreisen Menschen in das verödete Umland treibt. Gerade sozial Schwache haben oft keine Möglichkeit, sich diesem Zwang zu entziehen. So entsteht Einsamkeit. Da hilft auch kein „Einsamkeitsministerium“, das muss Aufgabe der gesamten Regierung und der Gesellschaft sein.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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