ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2018Generation Y und die Chirurgie: Alles ist möglich

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Generation Y und die Chirurgie: Alles ist möglich

Dtsch Arztebl 2018; 115(8): A-327 / B-279 / C-279

Lederer, Ann-Katrin

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Die Work-Life-Balance junger Mediziner steht im harten Kontrast zu der Realität des klinischen Alltags. Fachdisziplinen wie die Chirurgie fürchten deshalb um ihre Zukunft.

Steht die „Königsdisziplin“ Chirurgie mit dem Einzug der Generation Y in die klinische Tätigkeit wirklich vor dem Aus? Geboren zwischen 1980 und 2000 ist die junge Generation im Zeitalter der Technisierung und der Sorglosigkeit groß geworden. Sie hat den festen Glauben, dass alles möglich ist, und weiß vor allem aber eins: was sie nicht will. Die jungen Ärzte sind nicht bereit, für einen zukünftigen Erfolg zu leiden, vielmehr leben sie im „Hier und Jetzt“. Eine ausgewogene Work-Life-Balance steht weit oben auf ihrem Wunschzettel. Diese Einstellung birgt in der Zusammenarbeit mit älteren Medizinern, die eine völlig andere Erziehung genossen haben, ein deutliches Konfliktpotenzial. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich erfahrene Ärzte aktuell Sorgen um die Zukunft der Medizin machen. Generation Y scheint vor allem Fachdisziplinen mit einer hohen Arbeitsbelastung an ihre Grenzen zu bringen. So müssen in der Realität gerade junge Chirurgen nicht nur mit psychischen und physischen Belastungen ihres Jobs umgehen, sondern gleichzeitig viel Zeit und Engagement in die Entwicklung ihrer handwerklichen Fertigkeiten investieren. Im Rahmen der Diskussion wird dabei häufig auf den populären Autor Malcolm Gladwell verwiesen, der den Schlüssel zum Erfolg in hartem Arbeiten und ständigem Üben sieht. Talent allein reicht in der Realität nicht aus. Damit steht diese Aussage im harten Kontrast zu den Vorstellungen der jungen Chirurgen, die eine Kombination aus Flexibilität, Freizeit und erstklassiger Ausbildung präferieren. Eine Schnittmenge zwischen Realität und Vorstellung scheint in der ersten Betrachtung unerreichbar. In der genaueren Analyse erklärt Gladwell aber auch, dass harte Arbeit allein nicht reicht, um Ziele zu erreichen. Die Rahmenbedingungen – wie genügend Freiraum zum Üben und entsprechende Materialien – müssen gegeben sein. Dazu kommt ein Faktor, der vor allem für Generation Y eine Schlüsselfunktion innehat: die Begeisterung für die eigene Tätigkeit. Nur wer seine Arbeit gern macht, wird mehr als üblich investieren und den realen Alltag meistern. Dabei muss es den älteren Kollegen ein Anliegen sein, die Begeisterung der jungen Kollegen zu wecken und zu erhalten. Die übrigen Voraussetzungen für die Tätigkeit als Chirurg sind vorhanden und könnten kaum besser sein: Die junge Generation ist leistungsorientiert und leistungsfähig. Sie bringt Flexibilität, ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen und Teamfähigkeit mit. Gleichzeitig bewegt sie sich mühelos in sozialen Netzwerken und steht damit in engem interdisziplinären Kontakt mit anderen Wissenschaftlern. Das Potenzial ist immens, wenn junge Chirurgen den Gedanken „Alles ist möglich“ auch auf ihre Arbeit projizieren. Steht dem jungen Chirurgen ein erfahrener und reflektierter Kollege zur Seite, der ihn bei seiner Entwicklung unterstützt, so kann der junge Kollege seine Möglichkeiten potenzieren. Findet ein junger Chirurg seine persönliche Verwirklichung dann auch im Beruf, ist er bereit, mehr als üblich zu investieren und kann damit die Tradition der Chirurgie auch über weitere Generationen fortführen.

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