ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2018Studienplatzvergabe: Quo vadis, Numerus clausus

THEMEN DER ZEIT

Studienplatzvergabe: Quo vadis, Numerus clausus

Dtsch Arztebl 2018; 115(9): A-378 / B-319 / C-319

Hampe, Wolfgang; Kadmon, Martina; Chabiera, Peter Jan; Salhöfer, Luca

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Medizinische Fakultäten und Medizinstudierende schlagen gemeinsam ein eignungsorientiertes, verfassungskonformes Auswahlverfahren von Bewerbern für das Medizinstudium vor. Ziel sind erweiterte Zulassungschancen.

Nicht einmal jeder vierte Bewerber hat bundesweit die Möglichkeit, einen der heiß begehrten Medizinstudienplätze zu erhalten. Foto: dpa
Nicht einmal jeder vierte Bewerber hat bundesweit die Möglichkeit, einen der heiß begehrten Medizinstudienplätze zu erhalten. Foto: dpa

Damit hatte zu Beginn des Verfahrens im Jahr 2014 kaum jemand gerechnet: In ihrem Urteil vom 19. Dezember 2017 zur Frage, ob mehr als sieben Jahre Wartezeit für die Erlangung eines Medizinstudienplatzes mit der Verfassung vereinbar seien, erklärten die Richter des Bundesverfassungsgerichts die unbefristete Dauer der Wartezeit und die alleinige Verwendung der Abiturnote ohne Berücksichtigung länderübergreifender Ausgleichsmechanismen für verfassungswidrig (1). Auch weitere Bestimmungen der aktuellen Auswahl zum Medizinstudium müssen überarbeitet werden.

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Ungebrochen hohe Nachfrage

Die Attraktivität des Medizinstudiums ist ungebrochen. 2017 gab es für das Sommer- und Wintersemester zusammen über 62 000 Bewerbungen auf die rund 11 000 staatlichen Studienplätze. Die Fakultäten haben die Qual der Wahl. Es gibt weit mehr interessierte Bewerber als sie aufnehmen können. Nach der jetzt beanstandeten Auswahlgesetzgebung werden die Studienplätze in unterschiedlichen Quoten vergeben. Vorab werden einige Plätze, beispielsweise für Nicht-EU-Ausländer, Studierende mit Wunsch eines Zweitstudiums oder Sanitätsoffiziersanwärter der Bundeswehr reserviert. 20 Prozent der verbleibenden Plätze werden den Abiturbesten zugeteilt. Weitere 20 Prozent gehen an diejenigen, die seit ihrem Abitur am längsten gewartet haben, ohne ein anderes Studienfach zu belegen. Mit dieser Quote wird aktuell gewährleistet, dass jeder Abiturient unabhängig von seiner Note Medizin studieren kann. Aufgrund der Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts wird eine solche Wartezeitquote beim derzeitigen Bewerbungsdruck zukünftig nicht mehr umsetzbar sein. Die übrigen 60 Prozent vergeben die Fakultäten standortspezifisch im Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH). Sie können dabei die Auswahlkriterien aus einer vom Land vorgegebenen Liste auswählen (Ausnahmen hiervon gibt es in Hamburg und Bayern), immer muss allerdings die Abiturnote als stärkster Faktor berücksichtigt werden. Aktuell nutzen insgesamt 27 Fakultäten zusätzlich Studierfähigkeitstests wie den Test für Medizinische Studiengänge (TMS) oder den Hamburger Naturwissenschaftstest (HAM-Nat). Zudem berücksichtigen viele auch medizinnahe Berufsausbildungen und Freiwilligendienste (2). Ein knappes Drittel der Universitäten setzt mit sehr hohem Aufwand mehr oder weniger strukturierte Interviewverfahren ein. Nur eine kleine Minderheit nutzt die zusätzlichen Möglichkeiten nicht und verwendet auch im AdH lediglich die Abiturnote.

Frustration durch Wartezeit

Aufgrund des wachsenden Interesses am Medizinstudium und der immer großzügigeren Vergabe sehr guter Abiturnoten in einigen Bundesländern benötigen die Bewerber selbst mit einem Traumabiturdurchschnitt von 1,0 teilweise noch Losglück, um in der Abiturbestenquote einen Studienplatz zu erhalten. In der Wartezeitquote hingegen müssen mittlerweile sieben bis acht Jahre seit dem Abitur verstrichen sein, um zum Medizinstudium zugelassen zu werden. Um ihre Chancen im AdH zu optimieren, müssen die Bewerber sich detailliert mit den verschiedenen komplexen Verfahren der einzelnen Universitäten auseinandersetzen und sich präzise auf diese vorbereiten.

Diese Praxis wird von vielen Seiten kritisiert. Abgelehnte hoch motivierte Bewerber sind frustriert, weil sie erst Jahre nach ihrem Abitur studieren können. Patienten wünschen sich, dass schon bei der Studierendenauswahl mehr Wert auf die Eignung für den Arztberuf gelegt wird. Die Fakultäten beklagen, dass von den über die Wartezeitquote zugelassenen Studierenden über ein Drittel das Studium früh wieder abbrechen (3). Auch die Politik will die Studierendenauswahl verändern: Im Masterplan Medizinstudium 2020 wird für das AdH eine Reduzierung des Gewichts der Abiturnote und eine stärkere Berücksichtigung von sozialen und kommunikativen Kompetenzen angestrebt (4).

Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Belange schlagen die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und der Medizinische Fakultätentag (MFT) ein neues Modell für die Studierendenauswahl vor, welches die öffentliche Kritik, die politischen Ziele und die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts berücksichtigt (5). Danach soll es neben den unveränderten Vorabquoten nur noch eine weitere Auswahlquote geben, die Wartezeitquote und die Abiturbestenquote entfallen. In der Auswahlquote sollen neben der Berücksichtigung der Abiturnote ein bundeseinheitlicher Test eingesetzt werden, um die vom Bundesverfassungsgericht geforderte Standardisierung der Verfahren zu gewährleisten. Die Ortswahl der Bewerber nach ihrem Interesse an der Hochschule oder am Studienort soll weiterhin möglich bleiben, aber nicht mehr für die Vergabe eines Studienplatzes an sich, sondern nur noch für die Verteilung Zugelassener relevant sein. Damit entfallen strategische Bewerberentscheidungen aufgrund der lokalen Zulassungschancen.

Vorschlag: nur eine Hauptquote

In der Auswahlquote können die Bewerber über vier eignungsbezogene Kriterien insgesamt bis zu 100 Punkte erreichen (Grafik):

Gewichtung der Kriterien in der Auswahlquote
Gewichtung der Kriterien in der Auswahlquote
Grafik
Gewichtung der Kriterien in der Auswahlquote

1) Die schulische Leistung (max. 40 Punkte) hat trotz aller Kritik die höchste Vorhersagekraft für den Studienerfolg, weshalb sie, wenn auch mit vermindertem Gewicht, ein wesentliches Auswahlkriterium bleiben soll (2). Die Abiturnoten sollen hierbei so in eine Skala von 0–40 Punkten umgerechnet werden, dass die Chancen von Bewerbern aus unterschiedlichen Bundesländern angeglichen werden.

2) Alle Studienbewerber sollen an einem medizinspezifischen, national einheitlichen Studierfähigkeitstest teilnehmen, dessen Ergebnis ebenfalls mit maximal 40 Punkten bewertet wird. Hierfür wird eine Weiterentwicklung der in Deutschland bereits etablierten Tests TMS und HAM-Nat angestrebt, da beide den Studienerfolg zusätzlich zur schulischen Leistung gut vorhersagen.

3) Die Studienmotivation soll über eine berufspraktische Erfahrung oder einen Freiwilligendienst in einem medizinnahen Bereich in die Auswahlentscheidung eingehen. Dabei soll bereits für eine Tätigkeit von zwölf Monaten die Höchstzahl von zehn Punkten vergeben werden, um zu vermeiden, dass Studieninteressierte wieder eine lange Wartezeit in Kauf nehmen müssen und zudem Ausbildungsplätze in Gesundheitsberufen in größerem Umfang blockieren.

4) In einem Situational Judgement Test (SJT) sollen Bewerber ihr soziales Urteilsvermögen bei der Bewertung von Situationen aus dem Studien- und Berufskontext zeigen. In diesem schriftlichen oder computergestützten Verfahren, das deutschlandweit einheitlich im Zusammenhang mit dem Studierfähigkeitstest durchgeführt werden könnte, sollen maximal zehn Punkte vergeben werden.

Erreichte Punkte aus allen vier Kriterien werden summiert und die Bewerber anhand ihrer Punktsumme auf einer bundesweiten Rangliste eingeordnet. Die Hälfte der deutschlandweit zu vergebenden Studienplätze soll direkt anhand der Rangliste vergeben werden. Hierbei wird die Ortspräferenz der Bewerber für die Verteilung berücksichtigt.

Die übrigen 50 Prozent ihrer Plätze können die Fakultäten entsprechend ihres Profils im Rahmen eines spezifischen Auswahlverfahrens vergeben. Jeder Bewerber kann an Verfahren mehrerer Studienorte teilnehmen. Diejenigen Fakultäten, die sehr aufwendige Auswahlverfahren wie Bewerberinterviews einsetzen, können die Anzahl der Teilnehmer einschränken und nur solche Teilnehmer berücksichtigen, die die Fakultät mit einer vorgegebenen Ortspräferenz genannt haben. Die Vorauswahl erfolgt dann entsprechend der bundesweiten Rangliste.

Universitäten können aber auch auf ein vor Ort durchgeführtes Auswahlverfahren verzichten und die zweite Hälfte ihrer Studienplätze gemäß der zentralen Rangliste oder einer anderen Kombination der zentral erfassten Kriterien besetzen. Eine Vorauswahl nach Ortspräferenz darf hierbei gemäß den Vorgaben des Verfassungsgerichts allerdings nicht erfolgen.

Zeitnahe Umsetzung möglich

MFT und bvmd fordern eine zügige Umsetzung dieses Vorschlags durch Bund und Länder, um innerhalb der vom Bundesverfassungsgericht gesetzten Frist bis zum 31. Dezember 2019 ein validiertes, praktikables und verfassungskonformes Zulassungsrecht zu etablieren. Dazu müssen die Eckpunkte schon vor dem Sommer dieses Jahres festgelegt werden, um diese im Rahmen eines Staatsvertrags bis zur Frist festzuschreiben und gleichzeitig die Neuprogrammierung der Software bei der Stiftung für Hochschulzulassung beziehungsweise den Fakultäten starten zu können. Ein Verbund der medizinischen Fakultäten hat eine Initiative gestartet, um die in Deutschland bereits erprobten Studierfähigkeitstests zusammenzuführen, einen Situational Judgement Test zu entwickeln und die Fakultäten beim Einsatz Multipler Mini-Interviews zur Messung psychosozialer und kommunikativer Kompetenzen zu unterstützen.

Prof. Dr. phil. nat. Wolfgang Hampe, MFT

Prof. Dr. med. Martina Kadmon, MFT

Peter Jan Chabiera, bvmd

Luca Salhöfer, bvmd

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0918
oder über QR-Code.

1.
Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Numerus clausus im Medizinstudium vom 19. Dezember 2017 https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/12/ls20171219_1bvl000314.html.
2.
Schwibbe A, Lackamp J, Knorr M, Hissbach J, Kadmon M, Hampe W: Medizinstudierendenauswahl in Deutschland – Messung kognitiver Fähigkeiten und psychosozialer Kompetenzen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz; 2018; 61: 178–186. https://www.springermedizin.de/medizinstudierendenauswahl-in-deutschland/15339662.
3.
Heidmann J, Schwibbe A, Kadmon M, Hampe W: Warten aufs Medizinstudium. Sieben lange Jahre (2016). Deutsches Ärzteblatt 113: A1636–1638. https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=182341 VOLLTEXT
4.
Masterplan Medizinstudium 2020 https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/4_Pressemitteilungen/2017/2017_1/170331_Masterplan_Beschlusstext.pdf.
5.
Gemeinsamer Vorschlag für ein verfassungskonformes Modell der Studierendenauswahl in der Medizin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) und des Medizinischen Fakultätentages e.V. (MFT) https://medizinische-fakultaeten.de/; https://www.bvmd.de/ .
Gewichtung der Kriterien in der Auswahlquote
Gewichtung der Kriterien in der Auswahlquote
Grafik
Gewichtung der Kriterien in der Auswahlquote
1.Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Numerus clausus im Medizinstudium vom 19. Dezember 2017 https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/12/ls20171219_1bvl000314.html.
2.Schwibbe A, Lackamp J, Knorr M, Hissbach J, Kadmon M, Hampe W: Medizinstudierendenauswahl in Deutschland – Messung kognitiver Fähigkeiten und psychosozialer Kompetenzen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz; 2018; 61: 178–186. https://www.springermedizin.de/medizinstudierendenauswahl-in-deutschland/15339662.
3.Heidmann J, Schwibbe A, Kadmon M, Hampe W: Warten aufs Medizinstudium. Sieben lange Jahre (2016). Deutsches Ärzteblatt 113: A1636–1638. https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=182341 VOLLTEXT
4. Masterplan Medizinstudium 2020 https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/4_Pressemitteilungen/2017/2017_1/170331_Masterplan_Beschlusstext.pdf.
5. Gemeinsamer Vorschlag für ein verfassungskonformes Modell der Studierendenauswahl in der Medizin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) und des Medizinischen Fakultätentages e.V. (MFT) https://medizinische-fakultaeten.de/; https://www.bvmd.de/ .

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