ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2018Von schräg unten: Reflexion

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Reflexion

Dtsch Arztebl 2018; 115(9): [68]

Böhmeke, Thomas

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Ja, ich bin gemahnt worden. Von einer Kollegin, die meinen letzten Kommentar zur Bürgerversicherung gar nicht lustig fand, da sie drei Monate als gesetzlich Versicherte, die 750 Euro im Monat an ihre Kasse zahlt, drei Monate auf einen Facharzttermin warten muss, während privat Versicherte in drei Wochen drankommen. Zwei-Klassen-Medizin mit schlechtem Ruf! Sie meinte, ich solle dies mal reflektieren. Mache ich doch, ich gehe in die Praxis und gucke mir die Spielregeln an.

Tatsache ist, dass wir Fachärzte budgetiert sind, wenn wir über dem per Gesetz und von den gesetzlichen Krankenkassen gesetzten Limit arbeiten, kriegen wir immer weniger Entgelt. Wenn wir weit drüber arbeiten, gar nichts mehr. Oh, pardon, das habe ich nicht exakt reflektiert: Wenn ich zu viele Untersuchungen mache, droht mir gar der Regress. Das kann man mit einem Besuch in einem Sternerestaurant vergleichen, bei dem dem Koch fröhlich offenbart wird, dass man mit zunehmender Anzahl der Gänge immer weniger zu bezahlen gedenkt, und den Preis für den Nachtisch in bar ausgezahlt haben möchte.

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Das Blöde ist nur, dass dieses so wunderbare wie einzigartige Modell „Immer mehr heißt immer weniger, und der Fleißigste zahlt am Ende drauf!“ sich noch nicht flächendeckend etabliert hat. Würde ich meiner Fachangestellten sagen: Sie arbeiten jetzt immer mehr, aber die Überstunden ziehe ich von Ihrem Gehalt ab, so wird sie mir erst den Vogel und dann die Kündigung zeigen. Wenn ich zu meinem Vermieter sagen würde, dass ich für die steigenden Betriebskosten immer weniger zu zahlen gedenke, weil mein GKV-Honorar sich ebenso entwickelt, wird er wahrscheinlich meine geistige Gesundheit googeln. Wenn ich vom Vertreter der Ultraschallfirma einen 50-prozentigen Rabatt für bislang querfinanzierte Geräte verlange, weil ich für doppelt so viel Arbeit weniger als die Hälfte bekomme, wird er nur halb im Scherz zu mir sagen, ich sollte mir entweder einen anderen Job suchen oder besser im Ausland arbeiten. Was viele in Deutschland ausgebildete junge Mediziner schon tun. Kurzum: Ambulante fachärztliche Behandlung ist zwar gut gelitten, aber schlecht beglichen.

Dass unsere Arbeit so viel nachgefragt wird, ist ein Hinweis auf den Bedarf an qualitativer ambulanter Versorgung, die aber auf vielfältige Weise gedeckelt ist. Daher müssen wir uns auf das zugestandene Kontingent beschränken, und an diesem Punkt entstehen die Wartezeiten. Wartezeiten, die für die betroffenen Patienten mit Ängsten verbunden sind, dass eine Diagnose nicht rechtzeitig gestellt wird, eine Therapie verzögert eingeleitet wird.

Wenn uns niedergelassenen Ärzten vom Gesetz schon Zwangsjacken auferlegt werden, so halten wir wenigstens vor Ort zusammen, um eine gerechte Patientenversorgung trotz ungerechter struktureller Vorgaben zu gewährleisten: Wir Fachärzte pflegen eine enge Kooperation mit den hausärztlich tätigen Kollegen, es genügt ein kurzer Anruf, und Patienten mit bedrohlichen Symptomen werden umgehend versorgt.

Die Kollegin moniert völlig zu Recht, dass sie im Monat 750 Euro an ihre gesetzliche Krankenkasse bezahlen muss. Das wären 2 250 Euro im Quartal. Eine fachärztliche Behandlung in diesem Zeitraum, egal wie aufwendig und intensiv sie ist, wie viele Untersuchungen und Gespräche erfolgen, wird aber nur mit etwas über 50 Euro vergütet. Wo die übrigen 2 200 Euro dann verbleiben, davon habe ich keinen Schimmer. Nur ein Schelm könnte sich dabei denken, dass diese Summen verwendet werden, um eine Verwaltung zu ernähren, deren Aufgabe es ist, aus den Niedergelassenen immer mehr Arbeit zu immer höherer Qualität für immer weniger Honorar herauszupressen, so lange bis es quietscht.

Unser Gesundheitssystem kränkelt, aber wir Primärversorger sind nicht schuld an der Fieberkurve. Ich schließe heute ohne Scherz. Denn wie man die Sache auch dreht und wendet, es kann nur ein schlechter sein.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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Avatar #640986
Antonio1
am Sonntag, 11. März 2018, 19:48

von schräg unten 9/2018

Lieber Herr Böhmeke,
ihren Kommentar zur Budgetierung und zu Wartezeiten stimme ich gerne zu.
In einem Punkt kann ich Ihnen und Ihrer Kollegin gerne weiterhelfen!
auch meine Frau und ich bezahlen je ca. 750 € an die GKV im Monat, dennoch bin ich auf die Hilfe ihrer Kollegin angewiesen, um die Kosten für die HeimHämodialyseBehandlung, die ich seit elf Jahren mache, zu decken.
Jetzt wissen Sie also, wo die 2200 € verbleiben, bitte richten Sie Ihrer Kollegin meinen Dank aus, ich wünsche ihr weiterhin, dass sie nicht auf derart kostspielige Behandlungen angewiesen sein wird.
Herzliche Grüße!

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