ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2018Bewegungstherapie in der Onkologie: Wer rastet, der rostet

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Bewegungstherapie in der Onkologie: Wer rastet, der rostet

Dtsch Arztebl 2018; 115(9): A-355 / B-303 / C-303

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn Ressortleiterin Medizinreport/Perspektiven
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport/Perspektiven

Noch vor wenigen Jahren standen körperliche Bewegungsinterventionen im Verdacht, den Genesungsprozess onkologischer Patienten zu beeinträchtigen. Die aktuelle Datenlage widerlegt inzwischen jedoch die Annahme, dass sportliche Betätigung einen Krankheitsprogress auslösen könnte. Vielmehr zeichnet sich ab, dass die Sport- und Bewegungstherapie eine der wirksamsten Methoden zur Reduktion oder gar Prävention krebsspezifischer Nebenwirkungen ist. Auf dem 33. Deutschen Krebskongress in Berlin wurden diese Erkenntnisse erstmals bei einer Pressekonferenz der Deutschen Krebshilfe vorgestellt.

„Seit 2011 finden sich in der Wissenschaftsdatenbank Pubmed über 7 000 Publikationen zur Thematik ‚Exercise and Cancer‘, welche die Sicherheit, Machbarkeit und Wirksamkeit teilweise sehr überzeugend abbilden“, berichtete Privatdozent Dr. Sportwiss. Freerk T. Baumann, Leiter der AG Onkologische Bewegungsmedizin am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Köln Bonn. Die positiven Effekte betreffen das Fatigue-Syndrom, die durch die Chemotherapie induzierte Polyneuropathie, die Harninkontinenz nach Prostataoperation und die Körperkomposition (Fett-Muskelmasse-Verhältnis). Körperliche Aktivität vermindere diese Beschwerden sogar erfolgreicher als eine medizinische oder eine psychologische Therapie, berichtete Baumann. Zudem steigere sie die Lebensqualität der Betroffenen. Neueste Daten erhärteten zudem die Beobachtung, dass die Mortalität bei Mamma- und Kolonkarzinom gesenkt wird. „Nun geht es darum, diese Methoden als Standard allen onkologischen Patienten in Deutschland verfügbar zu machen“, so Baumann.

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„Wenn ich Turnschuhe auf Rezept verschreiben könnte, würde ich es tun“, sagte Prof. Dr. med. Michael Hallek, Direktor des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Köln Bonn. „Gezieltes bewegungstherapeutisches Training wirkt bei onkologischen Patienten so gut, dass es als Medikament ein Blockbuster wäre.“ Die Bewegungstherapie an der Kölner Universitätsklinik orientiert sich an den individuellen Zielen des Patienten. So erreiche man beispielsweise bei Polyneuropathie mit sensomotorischem Training und Vibrationstraining die besten Effekte. Baumann spricht von „targeted exercise“ als neue Säule der Krebsbehandlung. Allgemein wird Krebspatienten körperliche Aktivität mindestens 150 Minuten pro Woche bei moderater Intensität empfohlen (oder 75 Minuten bei intensiver Aktivität) sowie Krafttraining an mindestens zwei Tagen pro Woche.

Trotz der Erfolge, die mit einer gezielten Bewegungstherapie erreicht werden können, ist es schwierig, entsprechende Versorgungsstrukturen für alle onkologischen Patienten zu schaffen. „Hierzu bedarf es speziell ausgebildeter Sport- und Physiotherapeuten, von denen es zurzeit noch nicht genügend gibt“, erklärte Hallek. „Darüber hinaus bestehen in den Onkologischen Zentren auch räumliche und finanzielle Engpässe, um hochwertige Trainingsgeräte anzuschaffen.“

Die Evidenz sei partiell aber so überzeugend, dass die Implementierung von qualitätsgesicherten Bewegungsprogrammen in die Versorgungsstrukturen erfolgen müsse. „Hier ist die Gesundheitspolitik gefordert, dies schnellstens zu ändern“, unterstrich Baumann. „Würde die Sporttherapie in den Heilmittelkatalog aufgenommen, so wäre es für die Krebszentren deutlich einfacher, entsprechende bewegungstherapeutische Strukturen aufzubauen.“

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

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