ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2018Transplantationsmedizin: Es fehlt der Aufschrei
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Die rückläufigen Organspendezahlen in Deutschland sind dramatisch. Noch dramatischer ist das fehlende mediale Echo hierzu und der fehlende Aufschrei in der Politik, der Bevölkerung und der Fachwelt. Ist es schon Zeit, zu resignieren?

Spenderkrankenhäuser müssen Transplantationsbeauftragte benennen und unterstützen. In den letzten Jahren wurden diese von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) für die Krankenhäuser intensiv geschult. Der Transplantationsbeauftragte ist sicherlich eine sinnvolle und zwingend notwendige Funktion, um das Thema Organspende erfolgreich zu gestalten. Es muss aber mehr geschehen, damit die DSO und die Transplantationsbeauftragten nicht die einsamen „Rufer in der Wüste“ bleiben. Die DSO, die Spenderkrankenhäuser und vor allem die Politik dürfen sich nicht auf der alleinigen Etablierung der Transplantationsbeauftragten ausruhen, denn die Organspende ist keine Privatsache. Sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Mitarbeiter in einem Krankenhaus und geht uns alle beruflich wie auch privat an.

1. In Deutschland existiert die Einwilligungslösung. Bei einer Gesamtbevölkerung von circa 82 Millionen sollen statistisch nur circa zehn bis maximal 30 Prozent einen Organspendeausweis besitzen. Wie wäre es, wenn jeder Krankenversicherte in Deutschland seine Zustimmung oder Ablehnung auf seiner Kran­ken­ver­siche­rungskarte speichern müsste? Bei Eintritt ins Krankenhaus würden diese Daten vorliegen und für das medizinische Personal zugänglich sein. Damit ist eine Entscheidung für jeden Krankenversicherten verpflichtend und viel Recherchearbeit in den Entnahmekrankenhäusern würde entfallen. Darüber hinaus könnte das Geld für Organspendeausweise gespart werden.

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2. Das Thema Organspende kommt im Medizinstudium sicherlich zu kurz. Jeder Student müsste eine Pflichtveranstaltung zu den Themen Organspende und Irreversibler Hirnfunktionsausfall nach dem Physikum besuchen. Jeder PJ-Student müsste im Praktischen Jahr eine Fortbildung zum Thema Organspende nachweisen. Damit kämen Berufsanfänger in die Kliniken, denen das Thema bewusst ist.

3. Jeder Arzt sollte im Rahmen seiner Facharztausbildung eine Pflichtveranstaltung Organspende besuchen müssen. Nach absolvierter Facharztweiterbildung muss im Rahmen von CME mindestens eine Veranstaltung im CME-Zertifizierungs-Intervall (fünf Jahre) das Thema Organspende abdecken (hier zum Beispiel E-Learning Fortbildung der DSO). So bleibt das Thema für jeden klinisch tätigen Arzt präsent.

4. Die Kliniken müssen das durch die DSO ausgeschüttete Geld zweckgebunden einsetzen und einen Nachweis hierfür erbringen.

5. Transplantationsbeauftragte müssen verpflichtend in den relevanten Arbeitsbereichen (vor allem Intensivstation, gegebenenfalls Notaufnahme) eingesetzt werden, um ihre Tätigkeit täglich maximal effektiv ausüben zu können (Stichwort Präsenz). Über eine Freistellung ist sicherlich intensiv zu diskutieren. Die Tätigkeit muss aber zwingend im Stellenplan abgebildet werden.

6. Es muss eine Rechtssicherheit bei der Behandlung potenzieller Organspender nach dem Positionspapier der Sektion Ethik und der Sektion Organspende und -transplantation der DIVI von 2016 geschaffen werden.

7. Zuletzt ist die Politik in der Pflicht, in unserer Gesellschaft das Thema Organspende offensiv(er) zu fördern und alle in der Organspende Tätigen offensiv zu unterstützen. Und zwar jetzt, warten doch rund 10 000 Patienten auf den Wartelisten in Deutschland auf ein Organ.

Dr. med. Mathias Reyher, 78050 Villingen-Schwenningen

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