ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2018Transplantationsmedizin: Für die Patienten, nicht Aktionäre
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit Jahren verfolge ich mit Verwunderung das Lamentieren über zu wenig transplantable Organe. Es ist in diesem Zusammenhang dann immer von rückläufigen „Organspenden“ die Rede.

In einem System ungebremsten Kapitalismus, in dem die Mehrheit der Bürger seit Jahrzehnten Parteien wählt, die den Abbau des Sozialstaates betreiben und das Prinzip der Gewinnmaximierung systematisch im Gesundheitssystem etabliert haben, in dem immer mehr Krankenhäuser privatisiert werden, gewinnorientiert arbeiten sollen und Klinikkonzerne Millionenrenditen erwirtschaften, in dem zuweisende niedergelassene Ärzte zu „Kunden“ und Patienten dementsprechend zum Gegenstand werden, mit dem man den Gewinn erwirtschaftet, ist es doch geradezu anachronistisch an Menschen zu appellieren, eines der wertvollsten, bisher noch (!) nicht produzierbaren Güter, menschliche Organe, zu spenden.

Das ist geradeso absurd, als würden Autoreparaturwerkstätten Autobesitzer darum bitten, ihnen ihre Altwagen beim Kauf eines Neuwagens zu spenden, um noch gut funktionierende Teile für ihren Reparaturbetrieb zu verwenden.

Anzeige

Solange von Pharmafirmen manipulierte Ärzte und gesponserte Leitlinienverfasser das Prinzip „im Zweifel nicht Schaden“ umkehren und in „lieber behandeln, auch wenn der Nutzen marginal beziehungsweise unwahrscheinlich ist“ und zum Beispiel Onkologen beziehungsweise deren Krebspatienten einreden, sie müssten irrsinnig teure (zum Teil Behandlungskosten im fünfstelligen Bereich), mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen behaftete neue Medikamente einnehmen, um eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit von wenigen Prozenten zu erzielen beziehungsweise Lebenszeitverlängerungen von wenigen Wochen oder Monaten, solange in diesem Gesundheitssystem hierfür jährlich Milliarden und zig Millionen Euro für Medikamente mit fehlendem oder fraglichem Wirkungsnachweis (Homöopathie) an die Pharmaindustrie gezahlt werden können, solange ist die Aufforderung, Organe kostenlos zu spenden, absurd und nicht zielführend!

Wenn Ihr mehr Organe für Eure Transplantationsbetriebe braucht, dann bezahlt angemessen (10 000 Euro für eine Niere, 20 000 Euro für eine Leber). Dann wird der Markt boomen, es werden mehr Organe zur Verfügung stehen als benötigt und nach einiger Zeit die Preise für Organe unter Umständen sogar fallen. Wartezeiten werden gegen Null gehen, die Manipulationen von Wartelisten sich erübrigen.

Und auf diese Weise könnten Vater/Mutter, Oma/Opa ihren hinterbliebenen Nachkommen noch ein kleines Polster für deren Altersversorgung hinterlassen.

Sollte tatsächlich eines Tages (wieder) das Wohl der Menschen und nicht der Aktionäre im Zentrum des Medizinbetriebes stehen und die Gesellschaft eine solidarische geworden sein, dann werden Spenden von Organen vielleicht selbstverständlich und ausreichend sein.

Dr. med. Michael Pillar, 72070 Tübingen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige