ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2018Frauen in der ärztlichen Selbstverwaltung: „Ich sehe mich nicht als Exotin“

POLITIK

Frauen in der ärztlichen Selbstverwaltung: „Ich sehe mich nicht als Exotin“

Dtsch Arztebl 2018; 115(10): A-418 / B-364 / C-364

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Frauenanteil unter den berufstätigen Ärzten liegt bei 46 Prozent. In den berufspolitischen Gremien spiegelt sich das nicht wider. Nur vier der 17 Ärztekammerpräsidenten sind Frauen. Sie alle eint der Wille, die eigene Berufswelt mitzugestalten.

Dieses Frauen-Geschwurbel nervt mich, ehrlich gesagt. Vor allem, wenn es wieder pünktlich zum Frauentag stattfindet.“ Dr. med. Simone Heinemann-Meerz beantwortet die Anfrage des Deutschen Ärzteblatts (DÄ) nach dem Engagement von Frauen in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung prompt und eindeutig. Die niedergelassene Kardiologin ist seit 2011 Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt. Das berufspolitische Engagement sei für sie keine Frage des Geschlechts, meint Heinemann-Meerz: „Die ärztliche Selbstverwaltung ist ein hohes Gut. Sie lebt davon, dass die Ärzte ihre Möglichkeiten wahrnehmen, diese mitzugestalten. Es gilt, die Kollegen – männlich und weiblich – davon zu überzeugen.“

Ähnlich äußern sich Heinemann-Meerz‘ Kolleginnen. „Ich fühle mich nicht als Exotin“, sagt Dr. med. Heidrun Gitter. Sie übe ihr Ehrenamt nicht in erster Linie als Frau aus. Ihr gehe es um die Themen, erklärt die Präsidentin der Ärztekammer Bremen. „Ich fand es schon als junge Ärztin in der Weiterbildung spannend, dass mir das deutsche System der ärztlichen Selbstverwaltung die Möglichkeit gibt, die mich direkt berührenden Belange selbst mitzugestalten“, sagt Gitter.

Anzeige

Dabei steht die Ärztekammer Bremen, was den Frauenanteil in Führungsposition betrifft, glänzend da. Von fünf Vorständen sind drei Frauen, und auch die Führungsebene unterhalb des Vorstands besteht zu 60 Prozent aus Frauen. Ein spezielles Förderprogramm verbirgt sich dahinter jedoch nicht. „Alle Bewerberinnen und Bewerber haben durch Kompetenz überzeugt“, betont Gitter. Allerdings könne sie sich schon vorstellen, dass eine Frau als Präsidentin anderen Ärztinnen Mut mache, sich ebenfalls zu engagieren.

Mehr Überzeugungsarbeit leisten

Die Zahlen sprechen dafür, dass hier noch einiges an Zuspruch und Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Denn Frauen sind in der gemeinsamen Selbstverwaltung sowohl in den Gremien der Ärzteorganisationen als auch in denen der Krankenkassen deutlich unterrepräsentiert. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen von Mitte Februar hervor. So sind beispielsweise 48 Prozent der gesetzlich Krankversicherten Frauen. In den Vorständen der Kassen liegt der Frauenanteil hingegen zwischen 21 Prozent bei den Betriebskrankenkassen und null Prozent bei den Innungskrankenkassen. In der ärztlichen Selbstverwaltung sieht es – abgesehen von Bremen – nicht besser aus: 2016 waren 46 Prozent der berufstätigen Ärzte Frauen. Doch nur vier der 17 Kammerpräsidenten sind Ärztinnen. Im Durchschnitt liegt der Frauenanteil in den Kammervorständen bei 23 Prozent. Schlusslicht ist Baden-Württemberg mit neun Prozent.

Ein ähnliches Bild bietet sich in den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Von den rund 170 000 Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten, die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, waren 2016 45 Prozent Frauen. In den 17 KVen und in der KBV bekleiden jedoch nur acht Frauen die insgesamt 44 Vorstandsposten. Das von der Großen Koalition 2013 formulierte Ziel, das repräsentative Verhältnis von Frauen und Männern in der Selbstverwaltung zu optimieren, ist also längst nicht erreicht. Da passt das Motto des diesjährigen Internationalen Frauentages: „#PressforProgress“ – Drängt auf Fortschritt.

Warum engagieren sich so wenige Ärztinnen in der Berufspolitik? „Was zweifellos eine Rolle spielt, ist die Tatsache, dass sich Frauen heute immer noch viel häufiger als Männer vielfältigen ,Vereinbarkeitszwängen‘ von Ausbildung, Beruf, Familie, Kindererziehung und auch Pflege von Angehörigen ausgesetzt sehen als Männer“, sagt Dr. med. Martina Wenker. Ärztinnen hätten in ihren Biografien oft stärkere Unterbrechungen und Schwankungen als ihre männlichen Kollegen. „Vielleicht haben viele dann auch weniger Zeit, sich auf den berufspolitischen Marathon zu begeben“, vermutet die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Das sieht auch Dr. med. Ellen Lundershausen so. Entscheidungen für ein berufspolitisches Engagement fielen oft in einer Lebensphase, in der Frauen Mütter würden. Die Orientierung auf die Karriere trete hier oft in den Hintergrund, meint die Präsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen. „Eine spätere Entscheidung ist dann oft schwer und erfordert Willen und Durchsetzungsfähigkeit.“ Doch auch Lundershausen ist davon überzeugt, dass weibliche Vorbilder motivieren können. „Frauen müssen sich mehr zutrauen, es bietet auch berufliche Zufriedenheit, wenn man sich engagiert“, erklärt die Kammerpräsidentin. Allerdings müssten auch die Rahmenbedingungen stimmen, wie die Kinderbetreuung oder die Unterstützung durch den Partner.

Engagement vorleben, fordert auch Heinemann-Meerz. Nur so könne man die nachfolgenden Ärztegenerationen für die Mitarbeit in den ärztlichen Gremien begeistern. Von einer Frauenquote hält die Kammerpräsidentin jedoch nichts. Man müsse allen jungen Medizinern die Notwendigkeit und die Vorteile einer Selbstverwaltung nahebringen. „Wenn wir nicht über uns selbst bestimmen, tun das irgendwann andere, insbesondere diejenigen mit partikularen wirtschaftlichen oder politischen Interessen“, sagt auch Wenker. Sie appelliert an die in der ärztlichen Selbstverwaltung bereits aktiven Ärztinnen, Netzwerke zu bilden und jüngere Kolleginnen frühzeitig mit einzubinden. In Bremen hat die Ärztekammer die Gremienarbeit umgestellt, um sie attraktiver zu machen. „Wir arbeiten im Wesentlichen projektbezogen“, sagt Kammerpräsidentin Gitter. So würden zum Beispiel nicht mehr alle Ausschüsse für eine ganze Legislaturperiode besetzt, sondern es würden nur für einen gezielten Auftrag Arbeitsgruppen gebildet. „Der überschaubare Aufwand erleichtert den Einstieg in die berufspolitische Arbeit“, sagt Gitter.

Frauen sind pragmatischer

Was würde sich denn ändern, wenn mehr Frauen in der Berufspolitik aktiv wären? Die Antworten der Präsidentinnen fallen ähnlich aus: Es gäbe weniger Verbissenheit, mehr Pragmatismus sowie mehr Zielorientierung und Effektivität. Alle vier betonen aber, es gehe nicht darum zu polarisieren. Letztlich komme es bei einer erfolgreichen Gremienarbeit auf eine gute Mischung der Charaktere und Geschlechter an, wie Lundershausen es formuliert. Wenker ergänzt, ein höherer Frauenanteil bedeute deutlich mehr demokratisch legitimierte Möglichkeiten, spezifische Belange durchzusetzen. Heike Korzilius

Ärztinnen Mut machen

Foto: Ärztekammer Bremen
Foto: Ärztekammer Bremen

Dr. med. Heidrun Gitter (57) ist Kinderchirurgin an einer Klinik in Bremen und seit 2012 Präsidentin der dortigen Ärztekammer. Sie engagiert sich seit 1992 in der Berufspolitik. „Wichtig ist, dass wir möglichst viele junge Ärztinnen und Ärzte gewinnen, damit deren Belange ausreichend direkt repräsentiert sind und sie den Staffelstab in der ärztlichen Selbstverwaltung übernehmen“, sagt Gitter. Weil immer mehr Frauen den Arztberuf ergriffen, erhöhe sich deren Anteil in den Gremien automatisch, hofft sie.

Foto: Ärztekammer Sachsen-Anhalt
Foto: Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Dr. med. Simone Heinemann-Meerz (57) ist als Kardiologin in Halle an der Saale niedergelassen. Sie engagiert sich seit 1995 in der Berufspolitik und ist seit 2011 Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt. Von einer Quote zur Frauenförderung hält Heinemann-Meerz nichts. Die Selbstverwaltung habe ein Alleinstellungsmerkmal im politischen Raum. Hierfür sei ein Engagement beider Geschlechter notwendig, aber auch möglich. „Dieses Prinzip muss vorgelebt werden“, sagt Heinemann-Meerz.

Foto: Landesärztekammer Thüringen
Foto: Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen

Dr. med. Ellen Lundershausen (67) ist als HNO-Ärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Erfurt niedergelassen. Seit 2015 ist sie Präsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen. Ihr berufspolitisches Engagement, das 1993 begann, begründet sie damit, dass sie von der Richtigkeit und Sinnhaftigkeit der ärztlichen Selbstverwaltung, deren Beitrag zur Daseinsfürsorge und der ärztlichen Freiberuflichkeit überzeugt ist. „An uns liegt es, Mut zu machen“, sagt sie. Frauen müssten sich mehr zutrauen.

Foto: Ärztekammer Niedersachsen
Foto: Ärztekammer Niedersachsen

Dr. med. Martina Wenker (59) ist Internistin in einer Klinik in der Nähe von Hildesheim und seit 2006 Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Seit 1998 ist sie in der Berufspolitik aktiv. Ihr sei frühzeitig klar geworden, dass Veränderungen nur erreicht werden könnten, wenn Mann und Frau sich aktiv einbrächten. „Die Zuschauerrolle genügt da nicht“, sagt Wenker. Sie erlebe an den Universitäten eine hoch motivierte Generation von Medizinerinnen und ermuntere diese ausdrücklich, sich zu engagieren.

Internationaler Frauentag

Jedes Jahr am 8. März wird der Internationale Frauentag begangen. Er gilt als offizieller Feiertag der Vereinten Nationen (UN), der an den Kampf für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen weltweit erinnern soll. Grundlage ist eine UN-Resolution von 1977. Der erste internationale Frauentag war das Ergebnis der Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen, die sich 1910 für das Frauenwahlrecht aussprach.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema