ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Interview mit Dr. phil. Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker und Autor: Interview „Missbrauch verweist auf ein Gefühl des Scheiterns“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. phil. Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker und Autor: Interview „Missbrauch verweist auf ein Gefühl des Scheiterns“

PP 17, Ausgabe März 2018, Seite 120

Britten, Uwe

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Ein Beruf, in dem die persönliche Nähe so bedeutsam für den Erfolg ist wie bei der Psychotherapie, erfordert eine hohe Kompetenz darin, die Grenzen nicht zu überschreiten. Schmidbauer über anfällige Therapeuten und die Ursachen dahinter.

Wolfgang Schmidbauer ist Psychoanalytiker in München und Autor vieler Fachbücher. Zum Thema erschien von ihm „Wenn Helfer Fehler machen. Liebe, Missbrauch und Narzissmus“ (Reinbek 1997) und jüngst auch ein „autobiografisches Fragment“ über seinen eigenen, abenteuerlichen Weg in die Psychotherapie: „Die Seele des Psychologen“ (Zürich 2016). Foto: privat
Wolfgang Schmidbauer ist Psychoanalytiker in München und Autor vieler Fachbücher. Zum Thema erschien von ihm „Wenn Helfer Fehler machen. Liebe, Missbrauch und Narzissmus“ (Reinbek 1997) und jüngst auch ein „autobiografisches Fragment“ über seinen eigenen, abenteuerlichen Weg in die Psychotherapie: „Die Seele des Psychologen“ (Zürich 2016). Foto: privat

Herr Dr. Schmidbauer, erneut ist in der Fachdiskussion auf Zahlen hingewiesen worden, was den sexuellen Missbrauch in der Psychotherapie betrifft – sind Sie bei 600 aktenkundigen Fällen jährlich mit rund 80 Prozent Männern überrascht*?

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Wolfgang Schmidbauer: Nein, solche Zahlen gibt es ja regelmäßig. Man muss sogar noch hinzufügen, dass das nur die offenkundigen Fälle sind und sie vermutlich lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen. Wobei diese Zahlen noch gar nicht gewichtet sind, denn es gibt natürlich ein breites Feld an übergriffigem Verhalten. Dass diese Zahlen nun öffentlich werden, hat auch etwas Positives, denn früher ist dem ja kaum mal nachgegangen worden. Es gab gar keine Zahlen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren fehlte es sogar am Unrechtsbewusstsein, wenn der Therapeut mit der Klientin ins Bett ging. Heute wissen die Klientinnen durchaus, dass das fachlich nicht in Ordnung ist und dass sie sich auch an Beschwerdestellen wenden können.

Und wenn ich Sie nun gefragt hätte, ob Sie entsetzt sind …?

Schmidbauer: Dann hätte ich zurückgefragt, warum Therapeuten anders sein sollten als andere Menschen. In Ihrer Frage verrät sich eine Idealisierung des Therapeutenberufs, die unangemessen ist. Natürlich erwarten wir von einem guten Therapeuten, dass er so eine Grenze halten kann, aber es gibt eben die, die das nicht können oder jedenfalls in manchen Situationen nicht können. Psychotherapeuten sind anderen Menschen gegenüber ethisch ganz und gar nicht überlegen.

Vergessen wir nicht die betroffenen Klientinnen. Was bedeutet eine solche Erfahrung für sie?

Schmidbauer: Das ist sehr verschieden und kann nicht generalisiert werden. Es gibt Klientinnen, die erzählen es wie eine andere Liebesgeschichte auch, wenn sie eine sexuelle Beziehung zu ihrem Therapeuten hatten. Andere sind heftig traumatisiert, wenn sie sich auf etwas eingelassen haben, dessen Folgen – vor allem das Scheitern der Therapie in der Folge – sie nicht vorhersehen konnten. Das gilt vor allem für die Personen, die sich nach einem sexuellen Missbrauch in der Kindheit mit der realistischen und empathischen Einschätzung sexueller Beziehungen schwertun.

Ein Therapeut muss reflektieren, dass eine Liebesbeziehung parallel zur therapeutischen Beziehung eben keine Intensivierung der helfenden Entwicklung ist, sondern ganz im Gegenteil die therapeutische Beziehung zerstört.

Was ist zu tun?

Schmidbauer: Es wäre ein Irrglaube, zu meinen, das bloße Verbot solcher Liebesverhältnisse, wie wir es ja auch schon haben, könne solche Fälle verhindern. Nein, sie treten auf. Klarmachen müssen wir Therapeuten, dass ein solches Verhältnis die Therapie verpfuscht und dass sie damit auch ihre eigene „Kunst“ zerstören. Wir müssen schon in der Ausbildung und erst recht in der Berufspolitik darauf hinarbeiten, dass das Thema immer wieder vorkommt, damit Therapeuten lernen, damit umzugehen, wenn solche Gefühle in ihnen auftauchen. Wir müssen die Einstellung zu unserem Beruf ändern.

Wann treten diese entsprechenden Gefühle im Therapeuten denn auf?

Schmidbauer: Nach meiner Beobachtung würde ich sagen, dass ein Burn-out so ein Punkt sein kann, oder wenn der Therapeut in seinem Privatleben nicht ausgeglichen ist. Außerdem vermute ich, dass solche Beziehungsangebote des Therapeuten an die Klienten vorkommen, wenn die Therapie nicht mehr gut läuft. Der Therapeut hat vielleicht das Gefühl, dass er als Therapeut nichts mehr erreichen kann oder insgesamt zu wenig erreicht hat oder aber sich sogar gescheitert fühlt, dann, glaube ich, ist die Gefahr am größten. Missbrauch in der Therapie verweist auf ein Gefühl des Scheiterns.

Sie haben mal den Begriff der „narzisstischen Piraterie“ geprägt, wenn zum Beispiel ein Therapeut eine eigene emotionale Bedürftigkeit während der Therapie auslebt.

Schmidbauer: Ja, ich habe in „Helfen als Beruf“ jene Probleme dargestellt, die bei Berufen auftreten können, die viel Beziehungsangebote machen und bei denen der Erfolg über die Beziehung läuft. Bei der „Piraterie“ geht es darum, dass sich der Helfer selbst in der Arbeit Vorteile verschafft. Das können ganz verschiedene sein, aber eben auch der Vorteil, die eigenen emotionalen Bedürfnisse in den Vordergrund zu rücken.

In der Therapeutenrolle wird man von Klientinnen und Klienten schnell in einer herausgehobenen Weise betrachtet und erlebt, weil man sehr kompetent erscheint oder sogar als Autorität. Da tritt eine Idealisierung ein. Das erfordert eine besondere Disziplin und Reflexion, sonst gerät man schnell in die Gefahr, sich womöglich emotionale Vorteile aus der Idealisierung zu verschaffen. Und die Frau kann das sogar zunächst positiv erleben, dass der Therapeut sich ihr mit Liebesgefühlen zuzuwenden scheint.

Welche Personen stehen denn schnell in der Gefahr, solche Grenzen zu überschreiten?

Schmidbauer: Na ja, zunächst einmal ja ganz offensichtlich Männer. Wenn das Vorurteil stimmt, dass Frauen stärker nach Bindung suchen und nicht so sehr nach dem sexuellen Abenteuer, dann ist das vielleicht eine Teilerklärung dafür, warum Männer beim Missbrauch in der Psychotherapie dermaßen überwiegen. Auch die Impulsivität der Person spielt eine Rolle. Ein Mensch, der einen eingeschränkten Realitätssinn hat und eine geringe Selbstdistanz, der neigt vermutlich eher dazu, insbesondere dann, wenn auch die Klientin sehr impulsiv ist.

All das sind ja Interaktionen, auch wenn der Therapeut natürlich die Verantwortung für die Situation trägt. Die Klientin ist ja in der Therapie sogar ausdrücklich aufgefordert, die Impulse zu äußern, der Therapeut aber muss in der professionellen Rolle und in der Distanz bleiben. Das ist nicht für jeden Menschen gleich einfach, außerdem hat jede Psyche, auch die des Therapeuten, neurotische Anteile. Borderline-Anteile können zum Beispiel eine Rolle spielen. Jedenfalls ist dann eben die Impulskontrolle nicht gut entwickelt. Es ist eine zentrale berufliche Aufgabe für uns, die positive Idealisierung ebenso kritisch zu sehen wie die negative, die Entwertung.

Was empfehlen Sie jüngeren Kollegen, die bei sich merken, dass sie sich schwertun, solche Grenzen zu halten?

Schmidbauer: Ich bin der festen Überzeugung, dass man die psychotherapeutische Arbeit mit der entsprechenden Persönlichkeitsentwicklung nur machen kann, wenn man nicht allein und isoliert arbeitet. Schon in der Ausbildung sollte es ein wesentlicher Punkt sein, kleine Gruppen zu bilden, in denen sich Therapeuten tendenziell ihr Leben lang immer wieder treffen und austauschen können. Es reicht nicht aus, hin und wieder in Supervision zu einem erfahreneren und vielleicht älteren Kollegen zu gehen. Man braucht in diesem Beruf einen kleinen Kreis vertrauter Menschen, mit denen man immer wieder reden kann, wenn man den Eindruck bekommt, die Distanz zu verlieren.

Die Täter beim Missbrauch sind, glaube ich, immer eher isolierte Menschen mit einer narzisstischen Problematik, die sie glauben lässt, nach der Ausbildung „fertig“ zu sein, alles allein zu können und sich nicht mehr reinreden lassen zu müssen, wie man das während der Ausbildung immer „ertragen“ musste. Dahinter steckt eine unglaubliche Selbstüberschätzung und ein unangemessener Blick auf die eigene Ausbildung. Es gibt immer noch viel zu stark dieses Bild, dass sich die Ausbildung „objektivieren“ ließe, dass man danach „fertig“ sei und geradezu perfekt.

Nehmen wir an, der Therapeut spürt, dass ihn die Klientin anzieht, gerade auch sexuell, ist dann die Therapiebeendigung unumgänglich?

Schmidbauer: Nein. Das wäre doch jammerschade. Das sind sehr wichtige Themen, die da belebt werden. Wer sich das mit einer gewissen Distanz bei sich selbst ansehen und diese Gefühle mit der Klientin bearbeiten kann, der kann das Auftreten solcher Wünsche und Fantasien nutzen. Wer merkt, dass er die Grenze nicht halten kann, sollte sofort in die Intervision gehen. Erst wer wirklich gar nicht mehr fachlich arbeiten kann, sollte die Therapie beenden und die Klienten an eine Kollegin oder einen Kollegen vermitteln.

Erst einmal ist es ja auch das psychoanalytische Credo, die „Störung“ in der therapeutischen Beziehung aufzugreifen und als Material zu betrachten, das bearbeitet werden muss. Es ist dann ein Phänomen, das ich als Therapeut untersuchen muss. Untersuchen kann ich es aber nur, wenn ich nicht agiere – ich vermute jedenfalls, dass die meisten dem zustimmen würden.

Das Interview führte Uwe Britten.

*Zahlen in: Löwer-Hirsch M: Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie. Gießen: Psychosozial 2017.

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