ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Parentifizierung: Sorge, Fürsorge, Liebe und Hass

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Parentifizierung: Sorge, Fürsorge, Liebe und Hass

PP 17, Ausgabe März 2018, Seite 122

Moser, Tilmann

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In der Psychoanalyse fehlt es noch an ausreichender Beachtung des kumulativen Traumas der typischen tiefen Sorgen, wie sie das vergangene Jahrhundert mit den zwei Weltkriegen mit sich gebracht hat.

Traumata aus früheren Generationen können übertragen werden und sollten in aktuellen Therapien bearbeitet werden. Foto: Diana Eller 123RF
Traumata aus früheren Generationen können übertragen werden und sollten in aktuellen Therapien bearbeitet werden. Foto: Diana Eller 123RF

Der Begriff der Parentifizierung wird seit Jahrzehnten in der Familientherapie, in den systemischen Formen, in Psychotherapie und Psychoanalyse, vielleicht noch in weiteren tiefenpsychologisch orientierten Behandlungstechniken verwendet. Er hat vielen Patienten geholfen, ihr seelisches Schicksal besser zu verstehen und auch vielen Therapeuten gedient, zum Teil dunkle und hinderliche Geheimnisse und ihren oft leidvollen Sinn und ihr Ziel klarer zu deuten.

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Dazu ein gängiges Beispiel aus der analytischen Körperpsychotherapie: Ich biete einer depressiven oder verzweifelten Patientin von hinter oder neben der Couch oder auch in einem sitzenden Setting meine Hand. (Analog gilt die zunächst unbemerkte Rollenumkehr, wenn sich verbal vermehrt Fürsorge und stützende Einfühlung beim Patienten bemerkbar macht.) Zurück zur angebotenen Hand: Er (sie) ergreift sie, rasch oder manchmal zögernd, ich höre oder sehe ruhigere Atemzüge, und wir beide finden die Welt für einige Momente trostvoll in Ordnung.

Rollentausch

Aber nach einer Weile fühlt sich sein Zugriff seltsam an: Plötzlich oder unmerklich langsam dreht sich seine Hand, die meine liegt nun in seiner, und vor allem Denken und Deuten durchfährt es mich: „Halt, so haben wir nicht gewettet. Haben wir etwa die Rollen getauscht?“ Es kommt ein zunächst ratloses „Wieso?“, bis wir fast gleichzeitig spüren: Der Patient, häufiger noch die Patientin, hält mich, fürsorglich und stützend, und blickt mich vielleicht erstaunt oder leicht verlegen an. Dauert die Behandlung schon länger und wir sind schon kundiger in Sachen Parentifizierung, dann lachen wir oder schauen uns listig an. Und mit einer gewissen Schnellintrospektion spürt mein vielleicht im Untergrund für einen Augenblick ein anwesendes, ebenfalls haltbedürftiges inneres Kind in einer Blitzregression, sodass mir für kurze Zeit sogar wohlig zumute war. Aber bald ist das Feld für Einfühlung (für beide) und für den Beginn vorsichtigen Deutens offen. Ich würdige die Zuneigung, die hinter der Geste steckt, und danke für die Klarheit, in die uns das Geschehen führen kann. Die Patientin war, unbewusst oder sogar bewusst, die haltende, sorgende, stützende, fürsorgliche Person in der Familie, und die Geste kann durchaus fast automatisiert wirke oder auch zögernd, wenn ein gewisser Widerstand überwunden werden muss, sei es weil eine Erinnerung an die frühere Anstrengung dieser Gewohnheit sich bemerkbar macht oder, was ebenso möglich ist: Es kann sehr verdrängte Wut hochkommen, weil sie für ihre oft lebenslängliche Bemühung nie Dank bekommen hat. Ein Weg öffnet sich für vielfältiges Nachfragen oder sprudelnde, darauf folgende Erinnerungen, und oft findet ein ganzer niederdrückender, aber manchmal auch beglückender Lebenslauf neue Orientierung. Es kann das Gefühl langer Ausbeutung noch kommen, aber auch die (liebevolle, zuweilen christliche) Freude am Dienen. Von dem durchaus oft tragenden Aspekt des narzisstischen Gewinns und dem der subtilen oder mehr oder weniger offenen Machtausübung soll später die Rede sein. Wir sind eingetreten in ein Wechselverhältnis, das man mit Hegel sogar als eines von Herr und Knecht deuten könnte, nur dass die Rollen verzwickterweise wechseln und somit undurchschaubar werden können. Auch eine gleichzeitig auf verschiedenen seelischen Stockwerken gelebte Übertragungsverstrickung ist denkbar. Sie braucht zur Entwirrung weitere Anstrengungen.

Seit einiger Zeit ist ausreichend erforscht, in welchem Ausmaß Traumata aus früheren Generationen übertragen werden können, sodass Patienten Störungen und Verstörungen ihrer Ahnen weitertragen und als oft unverstandene Last leben müssen: Krieg und Verfolgung, Überleben des Holocaust, Verschüttung, Flucht, Missbrauch und Vergewaltigung.

Viel weniger erforscht ist das Trauma langfristiger Sorge über Männer und Brüder im Krieg ohne Nachricht, vermisst oder in russischer Gefangenschaft, auf der Flucht verloren gegangene Familienmitglieder und ähnliche Formen traumatischer oder befürchteter Verluste. Es sind quälende Zeiten oft jahrelanger Unsicherheit, die das Leben verdüstern und langfristig gravierende Spuren in der Seele hinterlassen. Viele Patienten haben die Sorge mittragen müssen, auch wenn Mütter versucht haben, ihren Kindern angestrengt auch Heiterkeit und Zuversicht zu vermitteln. Und Millionen von Kindern haben sich auch selbst um unerreichbare Väter gesorgt und versucht, ihren Müttern beizustehen und sogar abwesende oder verlorene Väter zu ersetzen. Die Kinder lebten fortan auch übernommene Sorgen und verstanden die düsteren Wolken nicht, die als Lähmung der Vitalität und Depressionen über ihnen lagen. Auch in vielen Therapien und Analysen, soweit sie Hilfe gesucht haben, blieben die Leiden unverstanden oder fanden Deutungen auf der falschen biografischen Ebene. Handelte es sich doch nicht um die bekannteren, furchtbareren, vererbten Traumata, sondern um langfristige und sogenannte kumulative, die als solche nicht erkannt wurden.

Wenn sich solche Patienten in höherem Alter bei Psychotherapeuten einfinden, so sind es meist Frauen, die unverstandenes Leid mitgetragen haben und die sich außerdem um gebrechliche, im Haus gepflegte oder bereits in Alters- oder Pflegeheimen untergebrachte Mütter kümmern. Es handelt sich intergenerativ um Verstrickungen, die oft undurchschaut bleiben: Die alten Mütter können klammernd und fordernd werden, weil sie unbewusst Entschädigung erwarten für ein schweres Leben, auch Aufmerksamkeit, Fürsorge und häufige Besuche oder Telefonate. Und die älter gewordenen Töchter können es selbst schwer haben, wenn sie parentifiziert viel an Fürsorge und Stützung geleistet haben. Ich konnte einige solcher „Mütterkinder“ therapeutisch begleiten, deren fortdauernde Betreuungslast ihnen unerträglich zu werden begann.

Wechselseitige Verzweiflung

Ein besonders drastisches Beispiel: Eine 60-jährige Frau kam, nachdem sie einige Jahre die schwere Verstimmung niedergekämpft hatte, bevor sie Hilfe suchte, mit den zusammenfassenden Sätzen: „Ich kann meine Wut auf meine Mutter nicht mehr unterdrücken, ich bin in Gefahr, bei mir zu Hause oder im Heim tätlich gegen sie zu werden, schäme mich und habe doch Mitleid mit ihrem Lebensschicksal, fühle mich zerrissen und verzweifelt, schäme mich noch mehr, wenn ich mich ertappe bei Wünschen nach ihrem Tod. Ihre anspruchsvollen Vorwürfe lähmen mich und ich werde selbst unerträglich vorwurfsvoll. Und dabei nennt sie mich noch undankbar.“ Die Lebensleistungskonten füreinander sind verschoben, und es herrscht oft wechselseitig Verzweiflung aneinander vor, im Gefolge der gigantischen Verbrechen und Hinterlassenschaften des Dritten Reiches.

Betroffene wählen Helferberufe

Oft war es nur ein Kind unter mehreren Geschwistern, das die Hauptsorge übernommen hatte. Häufig wählen die Betroffenen auch helfende Berufe wie Sozialarbeit oder Therapie und wundern sich, dass sie sich einem Burn-out nähern oder ihn schon absolviert haben.

Nun zum narzisstischen Gewinn der früh übernommenen Last. Sie bringt eine herausgehobene Familienrolle, Anerkennung, meist auch von außen, Selbstwertgefühle, Selbstlob für das Dulden und ebenso oft den offenen oder heimlichen Genuss der Machtstellung und der zunehmenden Abhängigkeit der anderen, der Unentbehrlichkeit und des Einflusses auf den Rest der Familie. Doch wenn die Anerkennung und die Würdigung der Leistung fehlen, entsteht untergründige Bitterkeit, und die fließt ein in die Wut gegen die pflegeheischenden alten Mütter. Es entsteht ein stagnierender Kreislauf der Bedürftigkeit, bei der letztlich alle zu kurz kommen und an schwelender Entbehrung leiden.

Während der therapeutische Umgang mit den klassischen vererbten Traumata auch in der analytischen Ausbildung längst gelehrt wird, fehlt es noch an ausreichender Beachtung des schleichenden kumulativen Traumas der typischen tiefen Sorgen, wie sie das Katastrophenjahrhundert mit den zwei Weltkriegen, ihren Vorläufern und Folgen mit sich gebracht hat.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2018; 16 (3): 122–3

Anschrift des Verfassers:
Dr. phil. Tilmann Moser,
Aumattenweg 3, 79117 Freiburg,
tilmann.moser@gmx.de

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