ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Sexueller Missbrauch: Spiel mit dem Feuer
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die ethische Verwerflichkeit und Strafbarkeit sexuellen Missbrauchs durch Therapeuten in der Psychotherapie kann nicht oft genug thematisiert werden. Der Berufsstand ist es den Opfern schuldig, einzuschreiten und jegliche Versuche der Vertuschung mit Entschiedenheit zu beenden, Patienten aber auch präventiv darüber aufzuklären, was in der Therapie erlaubt ist und was nicht. Schreiten Therapeuten angesichts erhaltener Kenntnis zuvor erlittenen Missbrauchs von Patienten nicht ein, machen sie sich mitschuldig. Die stillschweigende Duldung der Täter-Kollegen ist letztlich ein ebensolches Wegsehen, wie das der Familienmitglieder, in deren Reihen Kindesmissbrauch stattfindet. Die Glaubwürdigkeit ihrer Hilfe suchenden Patienten sollten doch wohl gerade sie anhand erlebnisfundierten Berichtens hinreichend einzuschätzen wissen, sodass sich die Frage der Denunziation nicht stellt. Über das Erfahrene in berufs- und strafrechtlicher Hinsicht zu schweigen, ist deshalb eine kollegiale Haltung, für die ich von Patientenseite keinerlei Verständnis aufbringen kann, stehe ich, die ich dem Berufsstand gegenüber Vertrauen aufbringen soll, dann doch einer Schweigemauer gegenüber, die sich nach außen hin von der der Kirchen und der Internate wohl kaum unterscheidet.

Verfolge ich den Artikel, so lese ich aber mit Befremden heraus, dass die eigenen Reihen den Täter-Kollegen gern mit Samthandschuhen angefasst wissen wollen. Soll er sich vom profanen Sexualstraftäter unterscheiden, weil er nur ein versehentlich entgleister Gutmensch ist? Will man Opfern wirklich helfen, so gehören die Entgleisungen in der Psychotherapie genauso klar verfolgt wie die kirchlichen Missbrauchsfälle und die Übergriffe in den Internaten usw.

Die aktive Gestaltung der therapeutischen Beziehung verstehe ich übrigens als überaus heiklen Balanceakt, den es sicher auszuführen gilt, soll eine Therapie nicht schädigen. Wenn ich lese, dass Liebeswünsche systematisch erzeugt werden sollen, so ist das ein klares Spiel mit dem Feuer. Hier fängt für mich bereits der Missbrauch durch den Therapeuten an, denn die Geister die er ruft, dann wieder loszuwerden, dürfte mehr als schwer sein. Wie außerordentlich brauchbar ist dann da doch der Stalking-Paragraf, der ihm erlaubt, die Nebenwirkung seines Handelns an die Polizei abzugeben, auf dass die sich um den Liebeswahn des bösen Kranken kümmert. Nicht nachvollziehbar bleibt zuletzt, warum die Autorin den Missbrauch innerhalb der Ausbildungsbeziehung als besonders schlimm ansieht, da hier schließlich zwei gesunde Menschen miteinander in Beziehung stehen. Vertrauensstellung und Abhängigkeit sind da wohl kaum anders zu bewerten, als die Abhängigkeit eines Kranken vom gesunden Therapeuten. Die „weitreichende Erschütterung“ höher werten und Leid gegen Leid aufwiegen zu wollen, scheint schon sehr vermessen.

Anzeige

Sabine Schemmann, 44807 Bochum

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige