ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Sexueller Missbrauch: Irreführende Zitierung Freuds
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Der Satz von Sigmund Freud aus „Bemerkungen über die Übertragungsliebe“ (1915), der von der Autorin aus der Sekundärliteratur zitiert und darüber hinaus aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen ist, erhält eben dadurch eine vollkommen andere Konnotation und führt so nur in die Irre. Freud habe den Satz „Von einer edlen Frau, die sich zu ihrer Leidenschaft bekennt, geht trotz Neurose und Widerstand ein unvergleichlicher Zauber aus“ (GW X 319), „zur Herausforderung an den Behandler gleichermaßen charmant wie auch selbstentschuldigend“ geschrieben. Das zentrale Thema des betreffenden Aufsatzes von Freud ist die Übertragungsliebe von Patienten, die trotz intensiver Verliebtheitsgefühle eine „Übertragung“ bleibt, mit allen dazugehörigen unbewussten Fantasien und daher auch Realitätsverkennungen und Illusionen.
Es wäre daher nicht nur moralisch und ethisch unverantwortlich – die Übertragungsliebe als reales Liebeswerben missverstehend –, sich als Analytiker auf eine Liebesbeziehung einzulassen, sondern da diese Verliebtheit im Rahmen der Übertragung einen Widerstand gegen die psychoanalytische Methode bedeutet – wie Freud an verschiedenen Stellen überzeugend darstellt – muss ein Erwidern des Behandlers, das somit ein Mitagieren ist, als ärztlicher Kunstfehler eingestuft werden.

Dorothee Bister, 79108 Freiburg

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