ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Humanistische Therapie: Dringende Revision der Kriterien
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Zunächst möchte ich danken, dass das Deutsche Ärzteblatt-PP um eine objektivere Berichterstattung bemüht ist und nicht einfach die Sicht des Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) übernommen hat.

Die Überschrift „Hochwertige Studien fehlen“ übernimmt aber leider die Sicht des WBP und ist irreführend. Die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) hat mehr als 300 Studien vorgelegt. In der Stellungnahme zur „vorläufigen Studienbewertung“ (http://aghpt.de/texte/WBP-Studienbewertung-SKM_36817091914450–2.pdf) des WBP beanstandete die AGHPT (http://aghpt.de/texte/AGHPT-Stellungnahme-an-WBP--2017–10–16.pdf) die negativen Bewertungen von 9 Studien zum Anwendungsbereich Angst/Zwang neben vielen anderen Studien. Doch der WBP hat die Beanstandungen einfach ignoriert. Er hat sogar die 27 Studien der Gesprächspsychotherapie (GT), die vom WBP 2002 anerkannt wurden und zur wissenschaftlichen Anerkennung der GT führten, bis auf eine abgelehnt, ohne dies näher zu begründen. 

Exemplarisch kann die willkürliche Studienbewertung an einer Studie von „Ascher, 1986“ verdeutlicht werden. Sie wurde mit der Begründung abgelehnt, sie hätte keine Humanistische Psychotherapie (HP) sondern Verhaltenstherapie untersucht, obwohl der Autor selbst ihren humanistischen Charakter bestätigte. Der WBP hat 29 RCT-Studien anerkannt, auch nach seiner mehr als problematischen Bewertung fehlte lediglich eine (!) Studie für den Bereich der „Angststörungen“, um die HP anzuerkennen.

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Der WBP steht mit seinem Votum im Widerspruch zur internationalen scientific community, für die die Wissenschaftlichkeit der HP selbstverständlich ist, wie zum Beispiel der Artikel „Research on Humanistic-Experiential Psychotherapies“ (Elliott 2013) in: Bergin & Garfields „Handbook of Psychotherapy and Behavior Change“ (der „Bibel“ der Psychotherapieforschung) belegt.

Der WBP hat die HP nicht entsprechend seinem Methodenpapier als „Verfahren“ anerkannt, sondern antragswidrig in einzelne Ansätze zerlegt, obwohl die AGHPT im Antrag, in Veröffentlichungen und Statements den Verfahrenscharakter nachgewiesen hat.

Abschließend ist zu sagen, dass der WBP nach § 11 PsychThG lediglich eine beratende Funktion hat, das heißt, der Profession, der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und anderen steht es frei, eine eigene wissenschaftliche Position zur HP einzunehmen.

Die Kriterien des WBP stehen seit vielen Jahren in der Kritik, sie sind einseitig an RCT-Studien ausgerichtet und bedürfen einer dringenden Revision. Die Zusammensetzung des WBP erfolgt durch Berufung durch die Vorstände der BPtK und der BÄK: zurzeit sind fast ausschließlich Vertreter der Richtlinien-Psychotherapie vertreten. Dies ist ein unhaltbarer Zustand und öffnet lobbyistischen Interessen Tür und Tor. Die AGHPT fordert deshalb, dass bei der Neubesetzung des WBP 2018 gewährleistet werden muss, dass alle vier Grundorientierungen (Verhaltenstherapie, Psychodynamische Psychotherapie, Systemische Therapie, Humanistische Therapie) gleichberechtigt repräsentiert sein müssen. Dieser neu besetzte WBP soll das Gutachten erneut prüfen und die schwerwiegenden Fehler korrigieren.

Dr. phil. Dipl.-Psych. Manfred Thielen (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie),
12159 Berlin

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