ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Individualpsychologie: Versuch der Neufundierung mittels Neurobiologie

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Individualpsychologie: Versuch der Neufundierung mittels Neurobiologie

PP 17, Ausgabe März 2018, Seite 134

Mackenthun, Gerald

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Ergebnisse der neurobiologischen Forschung haben die psychodynamischen Therapieschulen verunsichert. Sie versuchen seitdem, den traditionellen Theoriebestand ihrer Gründerväter mit dem Beweis zu retten, dass diese die neuere Entwicklung irgendwie schon „vorweggenommen“ hätten. Die Dissertation von Susanne Rabenstein an der privaten Sigmund Freud Universität in Wien vergleicht die Schlussfolgerungen, welche die Neurowissenschaften aus ihren Befunden ziehen, mit Alfred Adlers Theorien. Adler war von 1902–1911 enger Mitarbeiter von Sigmund Freud, ehe er sich im Streit trennte und seine „Individualpsychologie“ entwickelte, die später in Europa und den USA weite Verbreitung fand.

Adler definierte den Menschen als primär soziales Wesen. Von der „Vererbung“ charakterlicher Eigenschaften hielt er nichts. Vor gut 100 Jahren fehlten ihm, wie allen anderen, Kenntnisse von Aufbau und Arbeitsweise des Gehirns. Wenn er die zentrale Bedeutung der Mutter für das soziale Werden des Kleinkindes hervorhob, so ging das nicht über allgemein Beobachtbares hinaus. Adler ging damit einen Schritt hin zur Säuglingsforschung und der späteren Bindungstheorie. John Bowlby war jedoch kein Neurobiologe. Bowlbys Dichotomie von Bindung und Exploration hatte Adler noch nicht im Blick. Vom Bindungshormon Oxytocin konnte er nichts wissen.

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Die Entdeckung und Beschreibung der Spiegelneurone scheint ein starkes Argument für Adlers „Gemeinschaftsgefühl“ als Triebfeder aller menschlichen Lebensvollzüge zu sein. Die Fähigkeit zur Einfühlung und Antizipation kann jedoch genauso gut eingesetzt werden, um Schrecken zu verbreiten, zu belügen und zu betrügen. Empathie ist stark kontextabhängig.

Konkurrenz und Leistungswille als Motoren menschlicher Entwicklung tauchen bei Adler überhaupt nicht auf. Vielmehr ging er von einem angeborenen „Minderwertigkeitsgefühl“ aus. Dieses Gefühl werde durch ein reaktives Geltungsstreben kompensiert. Dieses Geltungsstreben ist in seiner Konzeption stark aggressiv und konkurrenzhaft, das heißt grundsätzlich „neurotisch“. Es müsse durch Gemeinschaftsgefühl gedämpft werden.

Man spürt das Bemühen der Autorin, Adler und die Individualpsychologie mithilfe der neurobiologischen Ergebnisse neu zu fundieren und zu rehabilitieren. Das gelingt nur, indem Widersprüche und Unklarheiten in Adlers Theoremen über „den Menschen“ außer Acht gelassen werden. Immerhin kann sich die Individualpsychologie mit größerem Recht auf neurobiologische Ergebnisse stützen als Freud und die Freudianer. Der Versuch, Adler neurobiologische Erkenntnisse „vorwegnehmen“ zu lassen, hat etwas Gewolltes und leicht Verkrampftes an sich. Immerhin hatte Adler auf der psychischen Ebene genaue, teilweise einseitige Beobachtungen angestellt, deren biophysische Korrelate seit einigen Jahrzehnten zunehmend genauer beschrieben werden können. Gerald Mackenthun

Susanne Rabenstein: Individualpsychologie und Neurowissenschaften – zur neurobiologischen Fundierung der Theorien Alfred Adlers. Wachsmann Verlag, Münster 2017, 253 Seiten, kartoniert, 34,90 Euro

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