ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Schwere Traumatisierungen: Zum analytischen Konzept der Wiedergutmachung

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Schwere Traumatisierungen: Zum analytischen Konzept der Wiedergutmachung

PP 17, Ausgabe März 2018, Seite 137

Klein, Christian

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Heinz Weiß stellt in seinem neuen Buch das psychoanalytische Konzept der Wiedergutmachung vor. Hierbei handelt es sich um ein Modell, mit dessen Hilfe ein Verstehensweg für die affektive Welt von Patienten mit schwerwiegenden Traumatisierungen und langwierigen Symptomatiken eröffnet wird. Wiedergutmachung ist ein wesentlicher Bestandteil der „depressiven Position“, wie sie in der kleinianischen Objektbeziehungstheorie dargestellt wird.

Der Autor arbeitet heraus, wie Groll, Zorn, Schuldgefühle und Scham innerhalb der psychisch beschädigten Innenwelt der Patienten verschiedene Aufgaben und Rollen im Gefüge der Psychodynamik erfüllen: teils als Abwehrorganisation, teils als Möglichkeit, sich durch seelischen Rückzug zu stabilisieren, aber auch als Widerstand und Hürde gegen psychische Entwicklung. Das tiefere Verstehen dieser komplexen Affektzustände und ihre Aspekte der Abwehr erscheint als äußerst relevant für jene pathogenen Prozesse, die sich unseren therapeutischen Heilungsbemühungen in der klinischen Praxis oft entgegenstellen.

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Weiß stellt diese Zusammenhänge in sieben Kapiteln dar. Es gelingt ihm dabei eine ausgewogene Balance zwischen Verständlichkeit und Differenziertheit. Neben einem Rückblick auf die theoretischen Entwicklungslinien des psychoanalytischen Traumabegriffes werden besonders die Dynamiken von Schuld, Schulderleben, Spaltung des affektiven Erlebens sowie der inneren Objekte selbst und die Prozesse des Scheiterns von Wiedergutmachung, nämlich Wiederholungszwang und die fortdauernde Schädigung der inneren Strukturen beschrieben. Besonders anschaulich sind die zentralen Kapitel 3 bis 5 und die darin enthaltenen Fallanalysen gelungen. Hier werden der Wiederholungszwang und seine Wechselwirkung zum primitiven Über-Ich, eine traumatische Abwehrorganisation (Der „Turm“) sowie die Grenzen der Wiedergutmachung beschrieben.

Weiß gelingt trotz der Komplexität der Thematik eine gute Strukturierung. Das klinische Material wird in zahlreichen Fallvignetten sorgfältig, dicht und präzise dargestellt. Dies ermöglicht, die dargebotene Denk- und Verstehensweise nachzuvollziehen, ermutigt aber auch zum kritischen Nachdenken und Nachspüren.

Das Buch eignet sich für erfahrene Analytiker und eine an Theorie interessierte Leserschaft. Eine Grundkenntnis der Objektbeziehungstheorie und einige ihrer Autoren ist durchaus hilfreich, aber nicht zwingend erforderlich. Christian Klein

Heinz Weiß: Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017, 189 Seiten, gebunden, 28,00 Euro

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