ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2018Maxim Gorki (1868–1936): Bitterkeit als Pseudonym

KULTUR

Maxim Gorki (1868–1936): Bitterkeit als Pseudonym

PP 17, Ausgabe März 2018, Seite 138

Krämer, Sandra

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Er war einer der schärfsten literarischen Kritiker des russischen Zarenreiches, kämpfte unermüdlich für Humanität und soziale Gerechtigkeit. Am 28. März wäre der Schriftsteller 150 Jahre alt geworden.

Das „rohe russische Leben“ will Maxim Gorki seinen Lesern vor Augen führen. Von 1898 an kann er von seiner Tätigkeit als Schriftsteller leben. Fotos: picture alliance
Das „rohe russische Leben“ will Maxim Gorki seinen Lesern vor Augen führen. Von 1898 an kann er von seiner Tätigkeit als Schriftsteller leben. Fotos: picture alliance

In dem halbdunklen, engen Zimmer liegt auf dem Fußboden, am Fenster, mein Vater, (…). Die Zehen seiner bloßen Füße sind sonderbar gespreizt, und auch die Finger an seinen gütigen Händen, die still auf der Brust ruhen, sind gekrümmt.“ (1) Mit einer von Krankheit und Tod bestimmten Szene – der Leichnam des an Cholera verstorbenen Vaters auf dem Boden, der dreijährige Sohn daneben liegend, die Mutter, vor Schmerzen halb wahnsinnig, ihr zweites Kind tot gebärend –, beginnt Alexei Maximowitsch Peschkow den ersten Teil seiner autobiografischen Trilogie. Das Haus seiner Kindheit in Nischni Nowgorod wird zum Schauplatz eines Elendsdramas, das vor dem Hintergrund des sozialen Abstiegs des Großvaters (vom angesehenen Färber zum Bettler) gezeichnet ist von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Alkoholexzessen, körperlicher Züchtigung, Demütigung und Einsamkeit.

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In der literarischen Rückschau erscheint ihm seine „Kindheit“ (1914), das „finstere Leben (…) reich an Grausamkeit und Härte (…) wie ein düsteres Märchen, das ein gütiger, aber quälend wahrheitsliebender Genius geschickt erzählt“ (2); doch zugleich als ein bedrückend realistisches Abbild des Daseins der unteren bildungsfernen Schichten im russischen Zarenreich. 1902 werden „Die Kleinbürger“ den Zuschauern des Moskauer Künstlertheaters einen Einblick gewähren ins Haus des Patriarchen Bessemjonow, welches zeugt „von jenem engen, stickigen Kreis unheimlicher Eindrücke, in dem der einfache russische Mensch lebte und – bis auf den heutigen Tag – lebt“ (3), ebenso „Wassa Schelesnowa“ (1936), das Schicksal einer Mutter, die in ihrem Bestreben sich emporzukämpfen, zum Raubtier wird und die eigene Familie zerstört.

Mit elf aus dem Haus gejagt

1879, als Elfjähriger aus dem Haus gejagt und gezwungen, sich – „Unter fremden Menschen“ (1915) – alleine durchzuschlagen, verdingt Peschkow sich als Lumpensammler, Lehrling, Laufbursche und Hausknecht, heuert als Schiffsjunge und Tellerwäscher auf Wolgadampfern an. An den Landungsbrücken und den Ladekais begegnet er den Menschen, die einmal die Protagonisten seiner Epik und Dramatik werden sollen. Die, die sich selbst „gewesene Menschen“ nennen – das Lumpenproletariat; keine Arbeit, kein Heim, keinen Halt.

Diese finden wir wieder in „Frühe Erzählungen“ (1892–1898) als Celkas und Emeljan Piljaj, barfüßige Vagabunden, die im städtischen Milieu der Diebe und Bettler leben, auf der Suche nach Brot und Arbeit, „hungrig wie die Wölfe und erbost auf die ganze Welt“ („Die Steppe“), als Konovalov und Ehepaar Orlovy, die vergeblich versuchen, einem Leben in Schmutz, Gewalt und Trunksucht zu entkommen, oder wie Wasska Pepel, Satin und das Straßenmädchen Nastja, die als Gestrandete das Bühnenstück „Nachtasyl“ (1902) bevölkern.

Während der verheerenden Hungerkatastrophe 1891/92 durchwandert Peschkow Südrussland bis in den Kaukasus und führt ein unstetes, entbehrungsreiches Leben als Landstreicher und Gelegenheitsarbeiter. In diesem „ununterbrochene(n) widerwärtige(n) Kampf“ (4) werden Puschkin, Goncourt, Turgenew, Gogol, Dickens, Scott, Balzac und Flaubert seine Verbündeten, später auch Schopenhauer und Nietzsche. Ihre Lektüre eröffnet ihm die begierig gesuchte Gegenwelt, schafft Raum für Freiheit, Selbstfindung und – Berufung. 1892 erscheint seine erste Erzählung „Makar Tschudra“ und bereits 1898 kann er von seiner schriftstellerischen Tätigkeit leben. Dem Leser die „bleiern lastenden Scheußlichkeiten des rohen russischen Lebens“ vor Augen führen, jene „zählebige, gemeine Wirklichkeit“, „die man bis in die Wurzel hinein kennen muss, um sie mit ihrer Wurzel auszureißen – (…) aus unserem ganzen so mühseligen und schändlichen Dasein“ (5). So die Intention. Das Pseudonym, das er wählt: Gorki – „der Bittere“.

Die Belange des Proletariats

In Kasan, wo er sich 1884 erfolglos um eine Aufnahme zum Studium bemüht („Meine Universitäten“, 1923), kommt Gorki erstmals mit revolutionären Zirkeln in Kontakt. Seine nach anfänglicher Euphorie zunehmend kritisch-polemische Haltung gegenüber der zeitgenössischen russischen Intelligenzija, die ihr politisches Engagement nicht mit den Belangen des Proletariats zu verknüpfen weiß, steht für sie doch „die Idee über den armseligen Menschen“(6), schlägt sich auch literarisch nieder. „Sommergäste“ (1904), „Barbaren“ (1905), „Kinder der Sonne“ (1906) – als breite Gesellschaftspanoramen angelegt, am Vorabend der Revolution spielend, offenbaren sie, vor vermeintlich banaler Kulisse voll Liebelei, Streitereien und Eifersüchteleien, die gesellschaftlichen Abgründe und Klassenkämpfe in Zeiten eines sich anbahnenden Umsturzes.

Weggefährten: Lenin (i. V.) und Gorki (dahinter) auf dem 2. Weltkongress der Komintern 1920 in Moskau; unter der Regierung Stalins (l.) kehrt Gorki in die Heimat zurück.
Weggefährten: Lenin (i. V.) und Gorki (dahinter) auf dem 2. Weltkongress der Komintern 1920 in Moskau; unter der Regierung Stalins (l.) kehrt Gorki in die Heimat zurück.

Eine Verschärfung der Konflikte, wie sie Gorki in seinem ersten Roman „Foma Gordeev“ (1899) und dem von der zaristischen Zensur verbotenen Drama „Feinde“ (1906) aufzeigt, erfährt die bereits angespannte Situation durch die beginnende Industrialisierung und den Ausbau der Eisenbahn im agrarisch geprägten Russland. Der Appell seiner wohl zukunftsweisendsten Figur, der Ärztin Marja Lvovna, die für einen Zusammenschluss von Intelligenzija und Arbeiterschaft agitiert, ist Programm: „(…) den uns nahestehenden Menschen, die ihre Tage in harter Arbeit verbringen und in Schmutz und Finsternis verkommen, die helfende Hand zu reichen, ihr Leben umzuformen, zu erleuchten und erträglicher zu gestalten“ (7).

Gorkis „Lied vom Sturmvogel“ (1901), der mit „der Kraft des Zorns, der Flamme der Leidenschaft und der Gewissheit des Sieges“ den revolutionären Geist voranträgt, wird zum Symbol für die russische Arbeiterbewegung und sein Verfasser zum Künder der Revolution. Damit zieht er aber auch die Aufmerksamkeit der Staatsmacht auf sich. Nach mehrmaligen Verhaftungen durch das zaristische Regime flüchtet er 1906 ins Ausland, wo er sich weiterhin, vor allem mit Unterstützung seines Verbündeten und Freundes Lenin, für den sozialen Umsturz engagiert. Erst nach einer Amnestie zur 300-Jahr-Feier der Zaren-Dynastie Romanow kehrt Gorki 1913 nach St. Petersburg zurück.

Seine scharfe Kritik an der Gewaltherrschaft der Bolschewiken nach der Oktoberrevolution 1917 sowie sein Einsatz für Opfer politischer Willkür führen zum Zerwürfnis mit Lenin und einem erneuten mehrjährigen Exil. Offiziell gilt der inzwischen national und international äußerst populäre Schriftsteller jedoch nicht als Emigrant. Eine seit Jahren bestehende Krankheit bietet Lenin samt Machthabern die Gelegenheit, den lästig werdenden Freund von Russlands politischer Bühne zu entfernen.

Als 17-Jähriger hatte Gorki „beschloss(en) (s)einem Leben ein Ende zu machen.“ Er erwarb „auf dem Basar einen Trommelrevolver“ und „jagte (sich) in der Absicht, das Herz zu treffen, eine Kugel in die Brust, durchschoss aber nur die Lunge“ (8). Er überlebte seinen Suizidversuch. Doch 1895 wird eine Tuberkulose diagnostiziert. Seine späteren Kuraufenthalte auf der Krim sind jedoch nicht nur der Gesundheit förderlich, sondern auch Gorkis literarischer Entwicklung, trifft er doch ab 1901 dort regelmäßig mit den ebenfalls an Tuberkulose leidenden russischen Schriftstellergrößen Leo Tolstoi und Anton Tschechow zusammen. Ihre Begegnungen schildert er später in „Literarische Porträts“ (9).

Enttäuscht über die Revolution

Im Zuge der 1921 einsetzenden Verschlechterung seines gesundheitlichen Zustandes, bestärkt Lenin ihn darin, seine Tuberkulose im Ausland auszukurieren. Gorki lässt sich von Ende des Jahres bis April 1922 im Lungensanatorium St. Blasien im Schwarzwald behandeln. Nach Aufenthalten in Berlin und Heringsdorf an der Ostsee, kurt er ab Juni 1923 in Günterstal bei Freiburg. Anschließend zieht es ihn ins tschechische Marienbad. Im Frühjahr 1924 lässt er sich in der italienischen Küstenstadt Sorrent nieder. Die Erzählungen, die während des Exils entstehen, spiegeln die tiefe Enttäuschung über die Auswirkungen der Revolution wider. Erst unter der Regierung Stalins kehrt Gorki in seine Heimat zurück. Infolge einer Lungenentzündung stirbt er am 18. Juni 1936 mit der Hoffnung, dass der russische Mensch dennoch „in seiner Seele gesund und jung genug“ (10) sei, um die Zustände zu überwinden (11). Sandra Krämer M.A.,

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
http://daebl.de/VA68

1.
Gorki M: Meine Kindheit. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 10, Berlin / Weimar 1966.
2.
Ebd.
3.
Ebd.
4.
Gorki M: Wanderungen durch Russland. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 9, Berlin / Weimar 1979.
5.
Gorki M: Meine Kindheit. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 10, Berlin / Weimar 1966.
6.
Gorki M: Meine Universitäten. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 12, Berlin / Weimar 1968.
7.
Gorki M: Sommergäste. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 21, Berlin / Weimar 1974.
8.
Gorki M: Meine Universitäten. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 12, Berlin / Weimar 1968.
9.
Gorki M: Literarische Porträts. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 14, Berlin / Weimar 1968.
10.
Gorki M: Meine Kindheit. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 10, Berlin / Weimar 1966.
11.
Ostwald H / Brandes G (Hg.): Maxim Gorki. Berlin 1902 (2013). / Rischbieter H: Maxim Gorki. München 1961. / Gourfinkel N: Maxim Gorki mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek b. Hamburg 1991. / Kjetsaa G: Maxim Gorki. Eine Biographie. Hildesheim 1996. / Hayward M: Die russische Intelligenzia. In: Obolensky C (Hg.): Das alte Russland. München 1980. / Städtke K (Hg.): Russische Literaturgeschichte. Stuttgart 2011. / Lauer R: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart. München 2000.
1. Gorki M: Meine Kindheit. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 10, Berlin / Weimar 1966.
2. Ebd.
3. Ebd.
4. Gorki M: Wanderungen durch Russland. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 9, Berlin / Weimar 1979.
5. Gorki M: Meine Kindheit. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 10, Berlin / Weimar 1966.
6. Gorki M: Meine Universitäten. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 12, Berlin / Weimar 1968.
7. Gorki M: Sommergäste. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 21, Berlin / Weimar 1974.
8.Gorki M: Meine Universitäten. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 12, Berlin / Weimar 1968.
9. Gorki M: Literarische Porträts. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 14, Berlin / Weimar 1968.
10. Gorki M: Meine Kindheit. In: Kosing E / Mirowa-Florian E (Hg.): Maxim Gorki. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Bd. 10, Berlin / Weimar 1966.
11. Ostwald H / Brandes G (Hg.): Maxim Gorki. Berlin 1902 (2013). / Rischbieter H: Maxim Gorki. München 1961. / Gourfinkel N: Maxim Gorki mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek b. Hamburg 1991. / Kjetsaa G: Maxim Gorki. Eine Biographie. Hildesheim 1996. / Hayward M: Die russische Intelligenzia. In: Obolensky C (Hg.): Das alte Russland. München 1980. / Städtke K (Hg.): Russische Literaturgeschichte. Stuttgart 2011. / Lauer R: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart. München 2000.

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