ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2018Bürgerversicherung: Angst vor dem Ungewissen
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Die Bedenken des Kollegen Reinhardt sind sicher berechtigt, aber es hängt von der Sichtweise und dem Ausmaß der Bürgerversicherung und der damit verbundenen „Revolution“ ab.

Die eine Sicht ist: Im Moment mache ich pro GKV-Patient und Quartal ca. 10 bis
15 Euro Minus, das heißt nur durch privat Versicherte und eine Nebentätigkeit im Krankenhaus kann ich ein Gehalt generieren. Ursache dafür ist nicht die GKV an sich, sondern der EBM und der fehlende Wille, diesen zu verändern. Mir werden als Kinder- und Jugend-Gastroenterologe weder Infusionen, Injektionen noch H2-Atemtests bezahlt. Eine Narkose für eine Kinderendoskopie ist überhaupt nicht vorgesehen.

Unter diesem Aspekt kann eine Bürgerversicherung den sicheren Ruin oder den Anbeginn einer erfüllenden produktiven Tätigkeit bedeuten, je nach dem, ob der EBM fortbesteht oder durch eine vernünftige Abrechnungsgrundlage ersetzt wird.

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Die andere Sicht ist: Die Angst der Ärzte vor der Bürgerversicherung ist solange berechtigt, solange man jung und ledig ist. Spätestens wenn man selbst horrende steigende Privat-Kran­ken­ver­siche­rungskosten zu stemmen hat, sieht man die Welt anders. Dann wünscht man sich viele Privatpatienten, um das zu verdienen, was man mehr ausgeben muss.

Hier kann eine Bürgerversicherung das Nötige absichern und zu stabilen Beiträgen über die Lebensspanne führen.

Eine weitere Sicht ergibt sich, wenn man täglich miterleben muss, wie viele sinnlose und Doppel-Untersuchungen bei privat Versicherten durchgeführt werden. Ökonomisch geht auf jeden Fall anders und es ist nicht einmal gesagt, dass dann das Nötige versichert ist (Elementarnahrungen bei Säuglingen mit Nahrungsmitteleiweißunverträglichkeiten werden nur nach massivem Einsatz durch die PKV erstattet).

Aber auch in der GKV ist das Nötige oft nicht vom „Wünsch-Dir-Was“ zu trennen. Wie kann man ein „Halswirbeleinrenken“ bei Kindern erstatten, aber nicht die Infusion moderner Biologicals bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen?

So wird das Schüren der Angst vor dem Ungewissen durch Standes- und Sachvertreter nicht nur eine sinnvolle Bürgerversicherung verhindern, sondern auch eine grundlegende Reform des EBM.

Dr. med. Thomas Schneider, 22419 Hamburg

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