ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2018Digitale Transparenz: Beunruhigend

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Digitale Transparenz: Beunruhigend

Dtsch Arztebl 2018; 115(11): A-459 / B-401 / C-401

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Das Solidaritätsprinzip in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) hat sich bei der sozialen Sicherung im Krankheitsfall bewährt. Dass dennoch immer wieder Diskussionen aufflammen, wie etwa bei der Frage, ob Raucher, Übergewichtige oder Risikosportler einen höheren Beitrag in das Solidarsystem einzahlen müssen, liegt nahe. Aber wer will die Grenze für ungesundes Verhalten festlegen und damit die Freiheit des Einzelnen beschneiden? Es gibt zwar Ansätze wie die Wahltarife in der GKV, die Boni versprechen, wenn man nur wenige Leistungen in Anspruch nimmt. Diese Tarife orientieren sich aber an der Quantität der Inanspruchnahme und weniger am gesundheitlichen Verhalten.

Jetzt droht ein gewaltiger Umbruch: Der Trend, seine biometrischen Daten per App zu messen, macht es inzwischen einfach, die vermeintlich gesunden von den nicht so gesunden Menschen zu unterscheiden. Zwar bleibt die Frage, ob zehn Kilometer Jogging bei hoher Pulsfrequenz gesünder als Wandern bei niedrigerer Pulsfrequenz ist. Viel entscheidender und bedrohlicher aber ist, dass die Internetgiganten den Wert dieser Daten erkannt haben. Apple kündigte jetzt an, seine mobilen Geräte mit einer Gesundheitsakte auszurüsten: „Health record“ soll Angaben über Allergien, Laborergebnisse, Arzneimittel und Impfungen speichern und in der iCloud ablegen. Gesundheitsdaten in unüberschaubarer Menge könnten so entstehen, die – positiv gedacht – helfen, die Gesundheit seiner Anwender zu bewerten und Präventivmaßnahmen einzuleiten. Zudem könnten Krankheiten erforscht und deren Therapien personalisiert weiterentwickelt werden. Doch der Preis für diese von großen kommerziellen Playern vorangetriebene Entwicklung ist hoch: der gläserne Mensch. Und dieser trägt selbst viel dazu bei. Zwar halten viele den Datenschutz bei Gesundheitsdaten für sehr wichtig, aber gleichzeitig teilen sie Leistungsdaten der Sporteinheit und der täglichen Aktivitäten in sozialen Netzwerken. Amazon und Co. sehen darin schon das nächste Geschäftsmodell: So hat der Internethändler Ende Januar angekündigt, zusammen mit der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway und der größten US-Bank, JP Morgan, eine Krankenkasse zu gründen. Man wolle die Gesundheitskosten senken, damit aber zunächst keinen Gewinn machen. Das Angebot sei im ersten Schritt ausschließlich Mitarbeitern vorbehalten. Man kann sich die App lebhaft vorstellen, mit der die Angestellten ihre Mitgliedschaft verwalten: Vollständige Transparenz ist zu befürchten – „im Sinne des Versicherten“ versteht sich. Niedrige Versicherungsprämien und Boni für die Datenauswertung und für gesundheitsbewusstes Verhalten werden Anreize genug sein, das Angebot wahrzunehmen.

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Der Versicherungsmarkt in den USA ist mit dem deutschen nicht vergleichbar. Dennoch sollte man sich das Engagement der US-Firmen genau anschauen. 81 Prozent der Deutschen nutzen ein Smartphone – das sind 57 Millionen Nutzer, die ihre biometrischen Daten in Apps von Apple und Co. hinterlegen könnten.

Die im Koalitionsvertrag genannte elektronische Patientenakte muss schnell kommen, bevor rein kommerzielle Anbieter bessere Lösungen am Markt haben oder man sogar auf diese angewiesen ist. Das Solidarsystem mag nicht in Gefahr sein. Aber sprudeln die Steuereinnahmen einmal nicht mehr, werden Daten und gesundheitliches Verhalten vielleicht doch relevanter als man es sich heute vorstellen mag. Beruhigend ist das nicht.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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