ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2018Fortgeschrittenes Ovarialkarzinom: Neoadjuvante Chemotherapie in den USA mit besseren Überlebensraten assoziiert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Fortgeschrittenes Ovarialkarzinom: Neoadjuvante Chemotherapie in den USA mit besseren Überlebensraten assoziiert

Dtsch Arztebl 2018; 115(11): A-489 / B-427 / C-427

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Raycat/iStockphoto
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Ovarialkarzinome haben eine vergleichsweise schlechte Prognose. Das 5-Jahres-Krebsüberleben liegt in Deutschland bei 41 %. Auf Basis zweier randomisierter Studien (1, 2) wird diskutiert, ob sich die Behandlung durch eine neoadjuvante Chemotherapie gefolgt von Intervall-Operationen verbessern lässt. Das Vorgehen wird in Deutschland nicht außerhalb von Studien empfohlen, da es im Vergleich zur primär zytoreduktiven Operation mit dem Ziel einer makroskopischen Komplettresektion keinen belegten klinischen Vorteil bringe. Nun wurden die beiden Verfahren an US-amerikanischen Zentren verglichen: zwischen Kliniken, die die neoadjuvante Chemotherapie ab 2011 in die Routineversorgung übernahmen und solchen, die nach wie vor primär chirurgisch behandeln (3).

Die Studie ist eine Registeranalyse der National Cancer Database mit > 1 500 Krebszentren der USA. Ausgewertet wurden die Daten von Patientinnen mit epithelialen Ovarialkarzinomen Stadium 3C/4. 1 156 Frauen wurden in den Jahren 2011 und 2012 in 2 Regionen der USA behandelt, in denen die Krebszentren das Konzept einer primären neoadjuvanten Chemotherapie übernommen hatten. 4 878 Frauen wurden in 3 Kontrollregionen therapiert, in denen nach wie vor primär zytoreduktiv operiert wird. Primäre Endpunkte waren die Zeit von Diagnose bis zum Tod und die Mortalitätsrate nach 1, 2 und 3 Jahren.

Die Mortalitätsrate fiel in beiden Regionen bei neoadjuvanter Tumorreduktion: Die Hazard Ratio (HR) für den Tod 3 Jahre nach Diagnose lag ab 2012 bei 0,81 im Vergleich zu den Jahren 2007–2011 derselben Region (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,71; 0,94]), der Effekt wird auf eine geringere postoperative Morbidität und Mortalität zurückgeführt. In den Kontrollregionen veränderte sich die 3-Jahres-Sterblichkeit nicht (HR: 1,02; [0,93; 1,12]).

Die 90-Tage-Mortaliät nahm in Regionen mit neoadjuvanter Chemotherapie von 7 % auf 4 % ab, in den Kontrollregionen fiel sie von 5,0 % auf 4,3 %. Der Anteil der Frauen, die keine chirurgische und systemische Behandlung erhielten, sank bei neoadjuvanter Chemotherapie von 20,0 auf 17,4 %, in den Kontrollregionen blieb der Anteil konstant (19,0/19,5 %).

Fazit: Eine neoadjuvante Chemotherapie gefolgt von Intervall-Operationen hat in den USA bei Frauen mit fortgeschrittenem Eierstockkrebs die 3-Jahres-Überlebensrate verbessert. „Retrospektive Daten aus klinischen Registern sind schwierig auf den klinischen Alltag anzuwenden und gerade die Komplexität einer operativen Fragestellung kann nicht abgedeckt werden“, kommentiert Priv.-Doz. Dr. med. Fabian Trillsch, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Großhadern der Universität München. „Es wundert nicht, dass die perioperative Mortalität zurückgeht, wenn neoadjurante Therapien eingesetzt werden. Denn einerseits werden dadurch circa 20 % der Patientinnen gar nicht erst operiert, die sich bereits vorher verschlechtern und nicht infolge der Operation sterben. Andererseits ist der Umfang einer OP nach Induktionschemotherapie geringer, scheint aber mit einem schlechteren Langzeit-Outcome verbunden zu sein.“

Die primäre Operation des Ovarial-Ca stelle höchste Ansprüche an die gynäkoonkologisch-chirurgische Kompetenz und die Infrastruktur des Zentrums. Dies dezentral in großen Regionen zu gewährleisten, sei bislang weder in Deutschland, noch in den USA gelungen. In der aktuell international rekrutierenden, randomisierten TRUST-Studie (AGO-OVAR OP.7) werde die operative Qualität der Zentren berücksichtigt und regelmäßig geprüft. „Bis die Daten vorliegen, dürfen die Ergebnisse der Registeranalyse nicht im Sinne eines großzügigen Einsatzes der neoadjuvanten Therapie interpretiert werden.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Vergote I, et al.: Neoadjuvant chemotherapy or primary surgery in stage IIIC or IV ovarian cancer. N Engl J Med 2010; 363: 943–53.
  2. Kehoe S, Hook J, Nankivell M, et al.: Primary chemotherapy versus primary surgery for newly diagnosed advanced ovarian cancer (CHORUS). Lancet 2015; 386: 249–57.
  3. Melamed A, et al.: Effect of adoption of neoadjuvant chemotherapy for advanced ovarian cancer on all cause mortality: quasi-experimental study. BMJ 2018; 360: j5463.

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