ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2018Intensivmedizin: Erhebliche Arbeitsverdichtung

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Intensivmedizin: Erhebliche Arbeitsverdichtung

Dtsch Arztebl 2018; 115(11): A-465 / B-407 / C-407

Osterloh, Falk

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Der Intensivmedizin in Deutschland geht es nicht gut. Ein Mangel an Intensivpflegekräften führt zu mehr Zeitdruck bei der Arbeit, der wiederum potenzielle Bewerber abschreckt. Personaluntergrenzen könnten das Problem in Zukunft weiter verstärken.

Intensivpfleger werden heute häufig auch ohne Berufserfahrung eingesetzt – wegen des Personalmangels. Foto: simonkr/iStockphoto

Tobias Melms mag seinen Beruf. „Die Arbeit auf der Intensivstation ist anspruchsvoll und abwechslungsreich“, sagt der 36-jährige Intensivpfleger dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). „Man hat viel Verantwortung, man muss schnell reagieren, übernimmt komplexe technische Behandlungen. Und man hilft schwer kranken Menschen, die dringend Hilfe benötigen.“

Doch die Freude an seinem Beruf hat zuletzt gelitten. „In den vergangenen Jahren hat der Zeitdruck bei der Arbeit deutlich zugenommen“, sagt er. Vor zehn Jahren sei die Arbeit noch viel entspannter gewesen. Das beeinflusse auch die Stimmung auf der Station.

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Sieben Stellen unbesetzt

Ein Grund für die Arbeitsverdichtung ist der Mangel an Pflegekräften. In der Universitätsmedizin Greifswald gibt es vier Intensivstationen mit 84 Intensiv- und Intermediate-Care-Betten, auf denen rechnerisch 210 Vollzeitkräfte arbeiten. Doch nicht alle Stellen sind besetzt. „Zurzeit sind sieben Vollzeitstellen unbesetzt, weil es zu wenige Bewerber gibt“, sagt Melms.

Das ist in Deutschland kein Einzelfall. Und vielfach führt der Mangel an Intensivpflegekräften dazu, dass Krankenhäuser Intensivbetten sperren müssen – wie eine aktuelle Umfrage unter den Weiterbildungsbefugten für Intensivmedizin ergeben hat (siehe folgenden Artikel).

Am Universitätsklinikum Tübingen können derzeit drei der
57 pflegerischen Vollzeitstellen in der Internistischen Intensivmedizin nicht besetzt werden. In der Folge sind zumeist zwei bis drei der insgesamt 21 Intensivbetten der Station gesperrt.

Auch in Tübingen ist der Mangel an Intensivpflegekräften der Grund. „Es gibt immer weniger Pflegekräfte, die sich aktiv auf einer Intensivstation bewerben“, sagt Prof. Dr. med. Reimer Riessen, Leiter der Internistischen Intensivstation am Universitätsklinikum Tübingen, dem . Sicherlich liege das auch an den Arbeitsbedingungen. „Man muss viel zu ungünstigen Zeiten arbeiten“, sagt Riessen. „Die Bezahlung ist nicht besonders gut, obwohl es eine sehr qualifizierte Arbeit ist. Und es gibt wenige Aufstiegsmöglichkeiten.“

„Wäre es denn besser, die Patienten gar nicht zu behandeln?“ Reimer Riessen, Universitätsklinikum Tübingen, Foto: Universitätsklinikum Tübingen

Diese Situation habe auch Auswirkungen auf die Versorgung, betont der 53-jährige Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. Nicht selten gebe es sinnvolle Anfragen von auswärtigen Kliniken auf Übernahme eines komplexen Intensivpatienten, denen dann nicht entsprochen werden könne. „Es tut einem weh, wenn wir diese Patienten nicht zeitnah übernehmen können“, betont Riessen.

Anstieg der Fallzahlen

In der Intensivmedizin hat es zuletzt große Veränderungen gegeben, deren Auswirkungen heute auf den Stationen zu spüren sind. „In den vergangenen Jahren sind die Fallzahlen dramatisch angestiegen“, erklärt Prof. Dr. med. Stefan Schwab, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). „Gleichzeitig konnten viele Pflegestellen nicht besetzt werden.“ Auch er nennt als Folgen eine erhebliche Arbeitsverdichtung im pflegerischen Bereich und bei Personalmangel die Sperrung von Betten.

Tobias Melms von der Universitätsmedizin Greifswald beschreibt, wie die Arbeitsverdichtung den Personalmangel noch verschärft. „Viele Mitarbeiter der Intensivmedizin haben ihre Arbeitsstunden reduziert, entweder um eine für sie passendere Work-Life-Balance zu erreichen oder weil die Arbeitsbelastung für sie zu hoch geworden ist.“

„Die Qualität der Versorgung hängt natürlich mit der Zahl der Mitarbeiter zusammen, die diese Versorgung erbringen.“ Stefan Schwab, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Foto: Universitätsklinikum Erlangen

Ein weiteres Problem benennt der Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), Franz Wagner. In der Pflege gebe es ein generelles Nachwuchsproblem, das alle Klinikbereiche betreffe und damit auch die Intensivstationen, sagt er dem . „Aufgrund dieser Personalnot setzen wir inzwischen hauptsächlich Pflegefachpersonen direkt nach ihrem Staatsexamen in den Intensivstationen ein – im Gegensatz zu früheren Zeiten, als Berufserfahrung in Allgemeinstationen vor dem Einsatz auf der Intensivstation gegeben war.“ Das führe dazu, dass sich junge Pflegende in diesem Arbeitsfeld überfordert fühlten und die Intensivstation wieder verließen. „Die Fluktuationsrate ist in den letzten Jahren gestiegen“, berichtet Wagner. So würden die erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusätzlich verstärkt in der Einarbeitung immer wieder neuer Intensivpflegekräfte gebunden, was eine weitere Belastung für sie darstelle.

Kritik an starren Vorgaben

Welchen Einfluss hat diese Situation auf die Patientenversorgung? „Die Qualität der Versorgung hängt natürlich mit der Zahl der Mitarbeiter in der Intensivmedizin zusammen, die diese Versorgung erbringen“, betont DIVI-Präsident Schwab. Deshalb empfiehlt die DIVI, dass eine Intensivpflegekraft maximal zwei Patienten betreut.

Die Bundesregierung will aus solchen Empfehlungen nun feste Vorgaben machen. Sie hat der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband aufgegeben, Pflegepersonaluntergrenzen zu definieren, die ab dem kommenden Jahr verbindlich zur Anwendung kommen sollen. Bei bestimmten Indikationen gibt es solche Vorgaben bereits heute. So hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) in seiner Qualitätssicherungs-Richtlinie unter anderem festgelegt, dass bei der Versorgung von Patienten mit einem Bauchaortenaneurysma in jeder Schicht ein Intensivpfleger eingesetzt werden muss, der eine Fachweiterbildung im Bereich der Intensivpflege und Anästhesie hat.

Auf den Intensivstationen werden starre Personaluntergrenzen in der Pflege allerdings kritisch gesehen. „Sie intensivieren das Problem des Personalmangels zusätzlich“, sagt Schwab. „Denn starre Grenzen führen wahrscheinlich dazu, dass noch mehr Betten gesperrt werden müssten. Das würde die Intensivmedizin weiter gefährden.“

Auch Riessen hält starre Pflegepersonaluntergrenzen für falsch. Stattdessen fordert er, das Leistungsspektrum einer Intensivstation genau zu erheben und auf dieser Basis das Personal zu errechnen, das auf der jeweiligen Versorgungsstufe, zum Beispiel bei einem Maximalversorger, vorgehalten werden sollte. „Dieses Personal sollte dann außerhalb der DRG-Vergütung von den Krankenkassen finanziert werden“, betont Riessen.

Er kritisiert zudem, dass die Krankenkassen derzeit die komplette Vergütung aberkennen, wenn Krankenhäuser die Vorgaben des G-BA nicht vollständig erfüllen. „Wäre es denn besser, die Patienten gar nicht zu behandeln?“, fragt Riessen. Zudem hätten die Krankenhäuser am Ende noch weniger Geld, um das benötigte Personal einzustellen, wenn ihnen die Vergütung von Leistungen aberkannt wird, die sie erbracht haben.

Riessen spricht auch ein weiteres Problem an, dass mit den schwindenden Ressourcen in Zusammenhang steht: die Begrenzung von Therapien. „Wir müssen oft kurzfristig entscheiden, wie viel Intensivtherapie sinnvoll ist“, erklärt er. Das geschehe gemeinsam mit den Patienten und deren Angehörigen. „In Deutschland sollten wir diese Entscheidungen immer noch primär nach medizinischen und nicht ökonomischen Gesichtspunkten treffen können“, fordert der Intensivmediziner. Dazu gehöre die Entscheidung, „ob wir einen multimorbiden Patienten mit deutlich eingeschränkter Lebenserwartung und Alltagsfunktionalität noch mit einer maschinellen Beatmung behandeln und ob der Patient einen Nutzen von einer solchen Behandlung hat.“ Bei knapper werdenden Ressourcen müssten solche Fragen gesellschaftlich und politisch offener diskutiert werden. „Es ist aber richtig, dass das Intensivbehandlungsteam, zusammen mit Patienten und Angehörigen, letztlich die individuelle Entscheidung trifft“, meint Riessen. Denn wer solle sie sonst treffen? Mitarbeiter einer Krankenkasse?

Die Frage bleibt, wie das Problem des Personalmangels in der Intensivmedizin gelöst werden kann. „Die Krankenhäuser können es nicht alleine lösen“, meint Schwab. „Es ist Aufgabe der Politik, die Pflege attraktiver zu machen.“ Er fordert, dass pflegefremde Aufgaben von anderen Berufsgruppen übernommen werden, eine klarere Benennung der pflegerischen Kernaufgabe sowie die Entlastung von den überbordenden Dokumentationspflichten.

DPR-Präsident Wagner fordert „eine zielgerichtete Einarbeitungszeit, die gewährleistet, dass noch nicht vollständig eingearbeitete Pflegende keine Aufgaben mit hoher Verantwortung übernehmen, die sie noch nicht beherrschen“. Diese Zeit müsse in der Personalberechnung berücksichtigt werden. Notwendig sei zudem eine gezielte Personalentwicklung, die Weiterbildung und Studium einschließe.

„Wir wünschen uns auch mehr Verantwortung im Team“, sagt schließlich Intensivpfleger Melms. In den vergangenen Jahren habe es in diesem Bereich allerdings schon einen großen Wandel gegeben. Heute stehe die Teamarbeit stärker im Mittelpunkt. „Das ist eine gute Entwicklung“, betont Melms. „Je mehr Verantwortung und Anerkennung Intensivpfleger bekommen, desto eher wird die Zahl der Interessenten auch wieder ansteigen.“ Falk Osterloh

Die vollständigen Interviews in Internet:

Reimer Riessen:
www.aerzteblatt.de/n91759

Tobias Melms:
www.aerzteblatt.de/n91760

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