ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2018Von schräg unten: Spannend

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Spannend

Dtsch Arztebl 2018; 115(11): [72]

Böhmeke, Thomas

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Ach, was hat das Ansehen des Arztberufes doch gelitten. Unser Bedeutungsverlust ist nicht hinreichend vergleichbar mit dem der Magengeschwüre nach Erfindung der Helicobacter-Eradikation. Früher strahlte unsere Profession den Glanz polierter Hüftkopfprothesen aus, früher waren wir Superhelden des Skalpells, Dogen der Diagnostik. Heute hetzen wir als Hanswürste in Weiß durch Klinikflure und Praxen, durch die Kieferklemme des Zeitdrucks nur noch zum Stammeln befähigt. Aber bevor eifrige Adepten der Heilkunde sich jetzt abwenden: Unsere Berufung ist die Schönste! Irgendwo ist er noch, der schöne Schein der Schwarzwaldklinik, der Sonnenschein des Respekts unserer Mitmenschen.

Vielleicht bewegt dies auch meinen heutigen Patienten, der mein tägliches Tun hinterfragt: „Sie haben doch einen spannenden Beruf, Herr Doktor Böhmeke, nicht wahr?!“ Und ob! Für meine Patienten scheint es ja nur so zu sein, dass ich anamnestiziere, elektro- und echokardiographiere, danach mysteriöse Worte murmelnd rezeptiere. Aber schaut man hinter die Kulissen, so spannen sich sagenhafte Welten auf! Wenn ich beispielsweise ein EKG oder ein Echo befunde, so bin ich mitnichten nur der Verantwortung gegenüber meinem Schutzbefohlenen verpflichtet, nein, ich muss mir auch immer vergegenwärtigen, dass kritische Kollegen der Kammer sich über jedes Detail beugen und auf höchste Qualität prüfen! „Das ist ja auch gut so!“

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Nicht nur gut, es wird auch immer besser: Wir arbeiten heute nicht mehr im vertraulichen Kokon des Arzt-Patienten-Verhältnisses, nein, im Zeitalter der allgegenwärtigen Datenerhebung sind wir vernetzt und verzahnt, durchdrungen und durchleuchtet! Kaum haben wir Cholesterine gemessen, Urine analysiert, Eiweiße chromatografiert, so finden diese Daten Eingang in nationale und internationale Erhebungen! Verschlüsselung! Versorgungsforschung! Disease Management! Und am Anfang stehen wir Ärzte vor Ort, die all diese Daten erheben! Er kann sich gar nicht vorstellen, wie aufregend und anspannend das ist, zehnstellige Ziffern in unser Qualitätsprogramm eingeben zu müssen! „Äh ja, das mag ja auch spannend sein, … aber ist es nicht auch befriedigend, das Schicksal eines Patienten zum Besseren gewendet zu haben?“ Wie, Schicksal? Was, befriedigend? Ach so, er meint, wenn mal eine Behandlung gut funktioniert hat. Ja, das gibt es auch, dann wird es richtig spannend! Dann gilt es mittels superexakter Dokumentation unzählige Institutionen zu befriedigen! Dem medizinischen Dienst muss die Fortdauer der Arbeitsunfähigkeit dargelegt werden, dem Versorgungsamt muss der Grad der Behinderung erörtert werden. Ämter melden sich, Versorgungswerke stehen Spalier, Gerichte fragen an!

Er kann sich nicht ausmalen, welche Anspannungen dies bedeutet, hier muss mit höchster Präzision gearbeitet werden! Meint er das? „Äh, nein, nicht wirklich.“ Ja, was meint er denn dann? „Herr Doktor Böhmeke, ich habe schon verstanden, dass Sie heutzutage unglaublich viel Arbeit haben, die nicht unmittelbar mit dem Patienten zu tun hat. Aber ich wollte eigentlich wissen, ob es nicht ein erfüllendes Gefühl ist, einem Menschen geholfen zu haben!“ Wie, geholfen zu haben? Ich habe ihm doch grade erläutert, was ich alles leiste! „Sie reden immer nur von Daten, von Dokumentation, von Bürokratie. Es geht doch um die Gesundung kranker Menschen.“ Jetzt höre er mir aber auf mit Gesundung. Ich habe so viele Krankheiten geschildert, da kann ich nicht noch an Gesundung denken!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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