ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Fatigue bei Krebserkrankungen: Bewegungstherapie ist effektiver als eine Behandlung mit Medikamenten

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Fatigue bei Krebserkrankungen: Bewegungstherapie ist effektiver als eine Behandlung mit Medikamenten

Dtsch Arztebl 2018; 115(12): A-534 / B-466 / C-466

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: underdogstudios/stock.adobe.com
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Das Fatigue-Syndrom, beschrieben mit anhaltender Müdigkeit, Schwächegefühl oder fehlender Energie, kann primär durch Tumorerkrankungen ausgelöst werden, möglicherweise durch Zytokine. Es ist aber auch häufige Nebenwirkung von Krebstherapien (1). Das Auftreten von Fatigue wird durch krankheitsassoziierte Symptome wie Ängste, depressive Störungen oder Schmerzzustände gefördert und kann dosislimitierend sein für eine Behandlung oder deren Absetzen erfordern. Daher vermindert anhaltende Müdigkeit nicht nur die Lebensqualität der Patienten, sondern verschlechtert möglicherweise auch ihre Prognose.

Für Bewegungstherapien, psychologische Unterstützung, Medikamente und für eine Kombination von Bewegung mit psychologischer Betreuung sind in randomisierten klinischen Studien positive Effekte auf Fatigue bei Krebspatienten gefunden worden. Bislang aber gab es keine Auswertungen, in denen die Wirksamkeit dieser 4 Interventionsformen miteinander verglichen worden wären.

Ein solcher Vergleich erfolgte in einer Metaanalyse US-amerikanischer Forscher (2). 113 randomisierte klinische Studien mit insgesamt 11 525 erwachsenen Tumorpatienten erfüllten die Einschlusskriterien. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer lag bei 54 Jahren (35–72 Jahre).

Zu den in den Medikamentenstudien verwendeten Arzneimitteln gehörten Modafenil, Paroxetin, Methylphenidat, Dexamphetamin und Methylprednisolon. In den Untersuchungen zur Bewegungstherapie wurden aerobes oder anaerobes Training oder Kombinationen von beidem getestet.

In Bezug auf einen Einfluss der Interventionen auf Fatigue geben die Autoren der Metaanalyse gewichtete Effektstärken (weighed effect sizes [WES]; Cohenʼs d) an: als Differenz der durchschnittlichen Veränderung vor und nach der Behandlung jeweils zwischen Therapie- und Kontrollgruppen. Bei einem WES-Wert von 0–0,29 wurde der Effekt als gering bewertet, bei 0,30–0,59 als moderat und bei ≥ 0,60 als groß.

Bewegungstherapie erreichte einen WES von 0,30 (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,25; 0,36]; p < 0,001), psychologische Intervention einen WES von 0,27 ([0,21; 0,33]; p < 0,01), die Kombination einen WES von 0,26 ([0,13; 0,38]; p < 0,001) und Medikation einen WES von 0,09 ([0,00; 0,19]; p = 0,05). Positive Effekte der Interventionen waren unabhängig vom Alter der Patienten, vom Geschlecht, von der Tumorentität, von sozialen Faktoren, wie dem Bildungsstand, und bei der Bewegungstherapie auch unabhängig von der Trainingsform (aerob vs. anaerob oder einer Kombination von beidem).

Fazit: „Bewegungstraining wirkt gegen Fatigue mindestens so gut wie eine psychologische Betreuung und deutlich besser als Arzneimittel“, kommentiert Priv.-Doz. Dr. med. Freerk Baumann, Leiter der Arbeitsgruppe Onkologische Bewegungsmedizin am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Köln/Bonn an der Universitätsklinik Köln. „Die positiven Wirkungen von Sporttherapie und psychologischer Unterstützung sind hoch signifikant. Eine Kombination von psychologischer Betreuung mit Sporttherapie hat bei Fatigue keinen additiven Effekt.“ Die Kosten für eine Bewegungstherapie sollten auch bei ambulant betreuten Krebspatienten über die Krankenkassen finanzierbar sein. (3)

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Servaes P, Verhagen C, Bleijenberg G. Fatigue in cancer patients during and after treatment:prevalence, correlates and interventions. Eur J Cancer. 2002; 38: 27–43.
  2. Mustian KM, Alfano CM, Heckle H, et al.: Comparison of pharmaceutical, psychological, and exercise treatments for cancer-related fatigue. A meta-analysis. JAMA Oncology 2017; 3: 961–8.
  3. 33. Deutscher Krebskongress, 21.–24. Februar 2018 in Berlin

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