ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Gesetzliche Unfallversicherung: Umfassender Versicherungsschutz

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Gesetzliche Unfallversicherung: Umfassender Versicherungsschutz

Dtsch Arztebl 2018; 115(12): A-542 / B-472 / C-472

Clade, Harald

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Arbeitsunfälle, Wegeunfälle, Berufskrankheiten: In diesen Fällen ist die gesetzliche Unfallversicherung zuständig. Grundlage ist das Sozialgesetzbuch VII.

Foto: picture alliance
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Am besten ist es, man bleibt bei der Arbeit gesund. Deshalb gehört zum Auftrag der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen auch die Unterstützung der betrieblichen Prävention. Wenn sich aber ein Arbeitsunfall, ein Wegeunfall oder eine Berufskrankheit ereignet, hat die gesetzliche Unfallversicherung (GUV) für die Versicherten die medizinische Behandlung und eine angemessene Entschädigung zu gewährleisten sowie darauf hinzuwirken, dass der oder die Geschädigte wieder am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.

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Arbeitsunfälle sind Unfälle, die sich im Zusammenhang mit der versicherten Tätigkeit ereignen: bei dieser Tätigkeit selbst, auf einem Dienstweg zwischen versicherten Tätigkeiten oder auf dem Weg von der Wohnung zum Ort der Tätigkeit und wieder zurück. Diese Variante gilt als Wegeunfall. Der Versicherungsschutz ist grundsätzlich auf dem direkten Weg zum Ort der Tätigkeit gewährleistet. Umwege sind nur in bestimmten Ausnahmefällen versichert, etwa um ein Kind in die Kindertagesstätte zu bringen oder im Rahmen einer Fahrgemeinschaft zur Arbeit.

Psychische Folgen in Leistungen inbegriffen

Neben Ereignissen mit körperlichen Verletzungsfolgen zählen zu den Arbeitsunfällen auch Extremerlebnisse, die psychische Beeinträchtigungen verursachen: beispielsweise das Erleiden oder Miterleben von Übergriffen mit Folgewirkungen. Eine Berufskrankheit ist eine Erkrankung, die sich ein Beschäftigter durch eine versicherte Tätigkeit zugezogen hat. Welche Krankheiten als Berufskrankheiten anerkannt werden können, ist im Anhang zur Berufskrankheiten-Verordnung gelistet.

2016 wurden der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) aus ärztlichen Praxen 1 471 Arbeitsunfälle und 1 950 Wegeunfälle gemeldet. Hinzu kamen 684 Anzeigen auf Verdacht auf eine Berufskrankheit, die Versicherte aus ärztlichen Arztpraxen betrafen. Davon entfielen rund 66,1 Prozent auf Haut-, 21,2 Prozent auf Infektions-, 5,4 Prozent auf Wirbelsäulen-, 1,9 Prozent auf Atemwegs- und 5,4 Prozent auf sonstige Erkrankungen.

Nach einem Arbeits- oder Wegeunfall und bei einer Berufskrankheit steht die Genesung im Mittelpunkt. Zu den Leistungen der Unfallversicherung zählen eine möglichst frühzeitige notfallmedizinische Versorgung, eine unfallmedizinisch qualifizierte ärztliche Behandlung oder eine erforderliche stationäre Behandlung.

Nach Gewalterlebnissen oder anderen psychischen Extremerfahrungen finanziert die Unfallversicherung zunächst fünf probatorische psychotherapeutische Sitzungen. Etwaiger Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung wird danach von der Berufsgenossenschaft oder der Unfallkasse individuell abgestimmt.

Hilfe zur Wiedereingliederung und Entschädigung

Rehabilitation geht aber weit über die Genesung hinaus. Wenn Versicherte aufgrund eines Arbeitsunfalls, Wegeunfalls oder einer Berufskrankheit ihre bisherige berufliche Tätigkeit nicht oder nicht problemlos wieder aufnehmen können, bemüht sich die Berufsgenossenschaft oder die Unfallkasse, sie nach ihrer Leistungsfähigkeit und unter Berücksichtigung ihrer Eignung, Neigung und bisherigen Tätigkeit beruflich wieder einzugliedern. Dazu kann zum Beispiel eine Fortbildungsmaßnahme stattfinden oder der Arbeitsplatz angepasst werden. Bei Bedarf wird auch eine Umschulung gewährt. Ferner übernimmt die Berufsgenossenschaft oder die Unfallkasse Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft: unter anderem eine Kraftfahrzeughilfe, eine Wohnungshilfe, die sozialpäd-agogische und psychosoziale Betreuung, Haushaltshilfe, Reisekosten und Rehabilitationssport.

Hinzu kommt gegebenenfalls eine Entschädigung: Für die Sicherung des Lebensunterhalts während der Rehabilitation zahlt die Unfallversicherung bei Arbeitsunfähigkeit ein Verletztengeld – bei angestellten Versicherten ab dem Ende der Entgeltfortzahlung, bei selbstständig tätigen Versicherten ab dem ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit. Bleibt die Erwerbsfähigkeit infolge des Arbeits- oder Wegeunfalls oder der Berufskrankheit über die 26. Woche nach dem Versicherungsfall hinaus um 20 Prozent gemindert, zahlt die Berufsgenossenschaft oder die Unfallkasse eine Rente. Bei Tod infolge des Versicherungsfalles sorgt sie für die Absicherung der Hinterbliebenen – durch Renten, Sterbegeld, Überführungskosten oder Beihilfen.

Bei der gesetzlichen Unfallversicherung werden alle Leistungen aus einer Hand gewährt. So werden beispielsweise bei der BGW die Versicherten nach einem Arbeits- oder Wegeunfall oder bei einer Berufskrankheit durch die Bezirksverwaltung betreut. Diese steuert das gesamte Reha-Verfahren und unterstützt häufig auch, wenn noch nicht klar ist, ob eine Berufskrankheit vorliegt, etwa wenn bei ersten Rücken-, Haut- oder Atemwegsbeschwerden schnelle Hilfe für den Berufsalltag notwendig sind. Jeder BGW-Bezirksverwaltung ist ein Schulungs- und Beratungszentrum angegliedert. Dort finden Sprechstunden, Seminare und Schulungen statt.

Bei schweren Versicherungsfällen werden die Betroffenen im Rahmen des Reha-Managements individuell betreut. Eine Ansprechperson der Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse – die „Reha-Managerin“ oder der „Reha-Manager“ – baut einen Kontakt auf und koordiniert in Abstimmung mit der betroffenen Person sämtliche Schritte der Rehabilitation. Die Reha-Fachleute arbeiten eng mit Ärztinnen und Ärzten, Unfall- und Rehabilitationskliniken, Bildungseinrichtungen sowie den Unternehmen zusammen. Ziel des Reha-Managements ist es, durch eine nahtlose Rehabilitation und zeitnahe berufliche Wiedereingliederung zu erreichen.

Freiwillige Versicherung für Selbstständige

Beschäftigte in ärztlichen Praxen und Krankenhäusern sind gesetzlich unfallversichert. Zuständig ist bei privaten und freigemeinnützigen Unternehmen die BGW, bei Einrichtungen in staatlicher Tätigkeit der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand. Selbstständig tätige Ärztinnen und Ärzte unterliegen nicht der gesetzlichen Unfallversicherungspflicht. Sie können sich aber freiwillig bei der BGW versichern. Informationen hierzu bietet die Berufsgenossenschaft auf ihrer Webseite. Dr. rer. pol. Harald Clade

Was im Risikofall zu tun ist

Nach einem Arbeitsunfall mit körperlichen Verletzungen

  • Erste Hilfe als Teil der betrieblichen Arbeitsschutzaufgaben.
  • Dokumentation: Jede Verletzung und jede Erste-Hilfe-Leistung im Betrieb müssen für mindestens fünf Jahre vertraulich schriftlich festgehalten werden.
  • Vorstellen in einer durchgangsärztlichen Praxis bei Arbeitsunfähigkeit von mehr als einem Tag oder Behandlungsbedürftigkeit von mehr als einer Woche ( www.lviweb.dguv.de).
  • Meldung an die gesetzliche Unfallversicherung bei Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen.

Nach einem psychischen Extremerlebnis

  • Anteilnahme über erste Gesprächsversuche in einer angstfreien Atmosphäre. Es geht weniger um eine psychologische Beratung, sondern vielmehr um das Auffangen der Person unmittelbar nach dem Vorfall.
  • Dokumentation: Sie dient dem Nachweis des Extremerlebnisses. Psychische Folgen können sich zeitverzögert bemerkbar machen. Bei Gewaltvorfällen spielt die Dokumentation für die rechtliche Absicherung beteiligter Personen eine Rolle – insbesondere, wenn auch Patienten verletzt wurden. Sie hilft auch beim Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung.
  • Die BGW empfiehlt, Gewaltvorfälle mit potenziellen Folgen für die Gesundheit auch dann als Arbeitsunfall zu melden, wenn unmittelbar infolge des Vorfalls keine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen attestiert wird.

Bei Verdacht auf eine Berufskrankheit

Meldung an die gesetzliche Unfallversicherung: Neben dem Betrieb sind zur Meldung auch Ärztinnen und Ärzte verpflichtet, wenn sie bei einer Patientin oder einem Patienten eine beruflich bedingte Erkrankung vermuten.

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