ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Bürgerversicherung: Mehr Neutralität
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Ich bin erstaunt über die Vehemenz, mit der im Ärzteblatt gewettert und argumentiert wird gegen das Unwort „Bürgerversicherung“; vom Editorial über Lesebriefe bis zum „Von schräg unten“ scheint es Einigkeit zur geben: Die wahre medizinische Heilsbringung in diesem Land ist das duale Kran­ken­ver­siche­rungssystem; allein durch die Privatversicherten kann es Fortschritt in der Medizin zum Wohle aller geben … umgekehrt bedeutet eine Bürgerversicherung dementsprechend wohl Rückschritt in der medizinischen Versorgung auf allen Ebenen.

Weder finde ich Herrn Lauterbach sympatisch noch weiß ich, ob beziehungsweise wie eine Einheitsversicherung durchsetz- oder machbar wäre. Aber: Wer schreit hier so laut? Richtig: diejenigen, welche von der Privatversicherung am meisten profitieren. Jeder weiß, welche finanzielle Bedeutung Privatpatienten für Ärzte (in Niederlassung oder für CÄ im Krankenhaus) vor allem in den alten Bundesländern haben. Seit vielen Jahren lebe ich in den neuen Ländern, wo es nicht viele Privatpatienten gibt. Wie profitieren wir hier von dem dualen System? Gleiches gilt für die viel zitierten „strukturschwachen Gebiete“ (die wir ja überall in der Republik finden).

Wäre eine Vereinheitlichung mit einer finanziellen Aufwertung für Leistungen der gesetzlich Versicherten für viele nicht sogar vorteilhaft? Auch wenn das über eine Umverteilung eventuell etwas geringere Verdienste (aber wohl immer noch ausreichend …) bei den ziemlich sehr gut Verdienenden in attraktiven Stadtlagen zur Folge haben könnte?

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Von denjenigen, die keine hohe Zahl an Privatpatienten haben: Gab es da bisher Beschwerden über ein zu geringes Einkommen? Habe ich noch nicht gelesen. Auch nicht, dass Unmut laut wird über die weiterhin fehlende Gleichstellung zwischen Ost und West bei den jeweiligen Versorgungswerten (weiß kaum einer: Wir sind nach wie vor bei 90 Prozent des Westniveaus – nach fast 30 Jahren Einheit!). Die Schreie kommen – richtig! – nicht von denen, die eher Grund dazu hätten, sondern vor allem von denen, die am System sehr gut verdienen. Und dass es sehr viel zu verdienen gibt: Ein Klick bei Google reicht aus, um eine Ahnung zu bekommen.

Wie viele andere auch habe ich ein gutes Einkommen. Ohne Luxus, aber sehr zufriedenstellend. Sollte das nicht reichen? Natürlich würde ich woanders mehr verdienen – z. B. auch durch Privatpatienten. Aber ist das das Ziel? Mich erschöpft die Verlogenheit, mit der immer wieder „zum Wohle des Patienten“ argumentiert wird. Wenn schon, sollte das Kind beim Namen genannt werden. Es geht um nichts anderes als den Erhalt der eigenen Pfründe.

Gern ereifere ich mich über Berufsgruppen wie Banker, Vorständler bei Automobilkonzernen etc. Aber nur, weil dort ein sittenwidriges Verhalten mit exorbitanten Einkommen herrscht, sollten wir als Ärzte mit unseren guten beziehungsweise sehr guten Gehältern zufrieden sein – und vielleicht dafür sorgen, dass diejenigen, welche wirklich in strukturschwachen Gebieten tätig sind, etwas mehr bekommen. Und da könnte eine einheitliche Leistungshonorierung durchaus ein Gedankenspiel sein ... Es würde nicht das Ende der Medizinentwicklung bedeuten, da bin ich mir sicher. Deshalb würde ich mir gerade auch von der Redaktion des Ärzteblattes mehr Neutralität in dieser Frage wünschen.

Dr. med. Florian Thermann, 06120 Halle

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