ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Psychiatriegeschichte: Die Skandalisierung nützt niemandem

POLITIK: Kommentar

Psychiatriegeschichte: Die Skandalisierung nützt niemandem

Dtsch Arztebl 2018; 115(12): A-518 / B-450 / C-450

Fegert, Jörg M.

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Die Berichterstattung über vermeintliche Medikamententests in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der 70er-Jahre in Norddeutschland fördert Vorurteile und schürt Ängste bei Betroffenen. Als komplexes historisches Thema greifen pauschale Bewertungen jedoch zu kurz.

Foto: Universitätsklinikum Ulm

Der Bericht des NDR mit dem Titel „Arzneimittel: Heimkinder als Versuchskaninchen“ über vermeintliche Medizinversuche und Medikamententests in den 70er-Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf (Sendung vom 14. Januar) hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Zunächst drohen vereinfachende Medienberichte eher unspezifische Vorurteile über die Psychiatrie zu fördern und Ängste vor einer skrupellosen Pharmakopsychiatrie zu schüren. Als komplexes historisches Thema sind Arzneimittelversuche an Kindern in der Nachkriegszeit jedoch für pauschale Bewertungen im Sinne von „Heimkinder als Versuchskaninchen“ wenig geeignet. Darauf haben der Medizinhistoriker Klaus Schepker und der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Kölch erst jüngst mit zahlreichen Belegen in Fachzeitschriftenbeiträgen hingewiesen (1).

Bereits in einem ersten Fernsehbericht über Wunstorf und andere Einrichtungen („Medikamententests bei Heimkindern“, ZDF, 2. Februar 2016) war auf eine Publikation zu Encephabol® hingewiesen worden. Die falsche Behauptung darin, der Studienautor sei der bekannte NS-Arzt Prof. Dr. med. Hans Heinze (nicht sein namensgleicher Sohn), wurde vom NDR zwar nicht wiederholt, aber der Fernsehsender knüpfte an die Unterstellung von Experimenten an und behauptete, dass „die Ärzte in Wunstorf bis Mitte der 1970er-Jahre mindestens 286 Kinder Versuchen mit Schlafmitteln und Psychopharmaka unterzogen haben“ (NDR 14. Januar 2018). In dieser Sendung wird Encephabol aus mangelnder Fachkenntnis oder gar mit Absicht, als „Schlafmittel/Psychopharmakon“ eingeordnet. Das Medikament, ein Derivat des Vitamin B6, wurde zeitgenössisch in der Roten Liste 1965 als nicht rezeptpflichtiges „Neurotrophikum“ eingestuft, angeblich geeignet bei „geistigen und psychischen Entwicklungshemmungen im Kindesalter“. Auch bei weiteren Studien aus Wunstorf mit dem pflanzlichen Beruhigungsmittel Psychoverlan® und dem Glutamat enthaltenden Psicosoma® orientierte sich Hans Heinze (junior) an den Indikationsvorgaben des Herstellers. Die Indikationen für Psicosoma umfassten „Heimprobleme“ wie „Verhaltensstörungen, Anpassungsschwierigkeiten, Angstzustände, Aggressivität, Schreckhaftigkeit, Tics, Stottern, Perversionen […], Schulschwierigkeiten; Konzentrationsmangel, Unaufmerksamkeit“ (Rote Liste 1969).

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Die Autoren des NDR-Beitrags sprechen zurecht von einem „pharmazeutischen Netzwerk“ aus Ärzten, Pharmaunternehmen, Einrichtungs- und Kostenträgern und den staatlichen Lenkungs- und Kontrollbehörden, die wenn auch nicht im rechtlichen Sinne, so doch ethisch-moralisch verantwortlich für die Medikation von Betroffenen in den verschiedenen Einrichtungen waren. Neben möglichen genuin therapeutischen Zwecken war die Erleichterung der Abläufe in Heimen und die Anpassung der dort verwahrten Kinder das Ziel der Medikamentengabe, wie es sich auch in der damaligen „Roten Liste“ wiederfand. Für zwei noch heute gebräuchliche Wirkstoffe nennt die Rote Liste 1969 als Indikationen: Thioridazin für „Verhaltensstörungen, Trotzreaktionen, Wutanfälle, Schul- und Erziehungsschwierigkeiten, nervöse und neuropathische Kinder“; Chlorprothixen für „psychomotorische Erregung, Unruhezustände, Aggressivität oder querulatorische Reizbarkeit“.

Die Skandalisierung der damals offen empfohlenen Verwendung von Medikamenten bei „Heimproblemen“ kann als notwendiges soziales Agendasetting verstanden werden, denn mit Blick auf das Gesamtgeschehen sind es nicht die Handelnden allein, sondern die Gesellschaft, die teilweise, um Kosten beim Personaleinsatz zu sparen, an der „Ruhigstellung“ von Kindern interessiert war. Insofern müssen als Lehre aus der historischen Aufarbeitung Konsequenzen für Pflege und Psychiatrie folgen.

Eine Skandalberichterstattung, die die simple Formel verbreitet: „Böse Psychiater (in Nazitradition) verordnen unverantwortlich Psychopharmaka und machen quälende Menschenversuche“, hilft niemandem, insbesondere nicht den Betroffenen, weil sie Stigma und Angst vor der Inanspruchnahme von Hilfen und vor heute leitlinienkonformer medikamentöser Behandlung erhöhen. Der Versuch der medikamentösen Ruhigstellung statt des adäquaten Einsatzes von Personal ist der eigentliche Skandal.

1.
Kölch M, Schepker K: Psychopharmaka in den 1950ern; 45 (5): 417–424, 2017 und Medizinhistorische Stellungnahme zur NDR-Berichterstattung; 46 (1): 82–86, 2018 in: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
1. Kölch M, Schepker K: Psychopharmaka in den 1950ern; 45 (5): 417–424, 2017 und Medizinhistorische Stellungnahme zur NDR-Berichterstattung; 46 (1): 82–86, 2018 in: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

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