ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Linsentrübung: Nach einer Kataraktoperation bei Frauen sinkt die Sterblichkeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Linsentrübung: Nach einer Kataraktoperation bei Frauen sinkt die Sterblichkeit

Gerste, Ronald D.

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Foto: saginbay/iStockphoto
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Die Entfernung einer meist altersbedingt getrübten Linse und die Implantation einer Intraokularlinse (IOL) ist mit geschätzt mehr als 700 000 Eingriffen pro Jahr in Deutschland die häufigste chirurgische Intervention. Eine der größten je durchgeführten epidemiologischen Studien hat jetzt aufgezeigt, dass die Kataraktoperation für Patientinnen einen beträchtlichen gesundheitlichen Nutzen über die Visusverbesserung hinaus hat.

Im Rahmen der Womenʼs Health Initiative (WHI) wurde ein großes Kollektiv reifer Amerikanerinnen über bislang mehr als 20 Jahre nachkontrolliert und -beobachtet. Bei einer Kohorte von mehr als 68 000 Frauen, die bei Rekrutierung zwischen 50 und 79 Jahre alt waren, wurden die Einflüsse verschiedener Parameter wie Hormontherapie, Ernährungsgewohnheiten und Vitamin-D-Supplementierung evaluiert; eine Kontrollgruppe (observational study cohort) bestand aus fast 94 000 postmenopautischen Frauen.

Aus diesen beiden großen Kollektiven haben die Autoren einer neuen Studie die Gesundheitsdaten jener Frauen eines Alters ab 65 Jahren untersucht, bei denen eine Katarakt diagnostiziert wurde. Dies war bei 74 044 Frauen (Durchschnittsalter 70,5 Jahre) der Fall. 41 735 Frauen hatten eine Kataraktoperation (cataract surgery group), die verbliebenen 32 309 Frauen bildeten die Gruppe mit Kataraktdiagnose (cataract diagnosis group). Nach statistischer Adjustierung (adjusted model) hatten die Kataraktoperierten eine um 60 % geringere Sterblichkeit (Hazard Ratio [HR]: 0,40; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,39; 0,42]). Diese Assoziation einer geringeren Mortalität der Kataraktoperierten spiegelte sich auch in allen krankheitsspezifischen Mortalitätsdaten (mit Ausnahme eines Todes aus pulmonalen Gründen) wider.

So betrug bei Patientinnen, die kataraktoperiert waren, die adjustierte Wahrscheinlichkeit (adjusted HR), im Beobachtungszeitraum an einer Infektion zu sterben 0,44 [0,36; 0,54], an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben 0,42 [0,39; 0,46] und bei einem Unfall ums Leben zu kommen 0,44 [0,33; 0,58]. Die Unfalltodhäufigkeit ist der am besten erklärbare Benefit der Intervention, da kataraktoperierte Senioren weniger stürzen und seltener Verkehrsunfälle haben als ältere Menschen mit einer deutlichen Visuseinschränkung.

Fazit: Die Katarktoperation verbessert bei älteren Menschen vermutlich allgemein die Funktionsfähigkeit im Alltag. „Diesem Resümé der Studienautoren ist voll und ganz zuzustimmen“, kommentiert Prof. Dr. med. H. Burkhard Dick, Direktor der Universitätsaugenklinik Bochum. „Diese Funktion einer postoperativen Verbesserung vieler physischer und mentaler Aspekte bei zahlreichen Patienten und Patientinnen wird jeder Kataraktchirurg bestätigen können. Die Ursachen dürften multifaktoriell sein. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass in dieser Studie die kataraktoperierten Probandinnen (als Confounder) eine generell gesündere Lebensweise hatten: Sie gingen zum Beispiel häufiger zur Mammografie. Aber beim Körpergewicht und beim Alkoholkonsum bestanden keine signfikanten Unterschiede zwischen ihnen und den nichtoperierten älteren Frauen.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

Tseng VL, Chlebowski RT, Yu F et al.: Association of Cataract Surgery With Mortality in Older Women Findings From the Women’s Health Initiative. JAMA Ophthalmol. 2018; 136: 3–10.

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