ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Videosprechstunde: Vermeintliche Innovation
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Ich lasse mich doch nicht vor den Karren spannen, um unseren Politikern die Arbeit zu vereinfachen. Politik, Krankenkassen und Ärztefunktionäre sorgen seit Jahrzehnten dafür (Budgets, Honorarverluste, Bürokratie, Regelungswut etc.), dass sich jüngere Kollegen und Kolleginnen kaum noch niederlassen wollen, die Wartezeiten in den Arztpraxen ins Unermessliche steigen, Neupatienten von Praxen abgelehnt werden und die Notaufnahmen der Kliniken ausnahmslos überlastet sind. Und nun bemerken alle völlig aufgeschreckt: Die Ärzte fehlen! „Videosprechstunden“ sollen nun das Wundermittel gegen den Ärzteschwund sein, und den Krankenkassenfunktionären, unseren Gesundheitspolitikern und Ärztefunktionären platzt nahezu die Hemdenknopfleiste vor Stolz über diese vermeintliche „Innovation“ in der medizinischen Versorgung.

Die beiden Sätze des Artikels sollte man sich wahrlich auf der Zunge zergehen lassen: „Patienten müssen nicht für jeden Termin in die Praxis kommen“ und „... die ärztliche und pflegerische Versorgung sicherzustellen, vorhandene Engpässe zu mildern und die Qualität für Wirtschaftlichkeit zu erhöhen“. Wenn diese Denke das Credo für die Videosprechstunde ist, dann bin ich wirklich erschüttert.

Die Probleme der mangelnden Niederlassung sind recht schnell zu lösen: vernünftige Honorierung für Ärzte, alle Budgets abschaffen, die Krankenkassen in ihre Schranken weisen, die Kontroll- und Regelungswut gegenüber den Ärzten stoppen und die Scheckkarten-Mentalität der Versicherten beenden – dann braucht es auch keine Videosprechstunde!

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Ich als niedergelassener Arzt in Baden-Württemberg werde keinesfalls an dieser „billigen“ Videolösung teilnehmen. Ich möchte ausdrücklich bemerken: nicht wegen des miesen Honorars, sondern weil sich Ärztefunktionäre, Krankenkassen und Politik gefälligst für unseren Nachwuchs anzustrengen und für vernünftige Lösungen einzusetzen haben.

Nur unter optimalen Rahmenbedingungen werden junge Ärzte ihre Zukunft wieder in der eigenen Praxis sehen – wer möchte es ihnen verdenken? Um dieses zu erreichen, bedarf es von Politikern und Funktionären eigentlich nur sehr wenig: persönliches Engagement, den Willen zur positiven Veränderung und vor allem auch ein „ehrliches Interesse“ an unserem Nachwuchs. Wer diese einfachen Regeln nicht zu nutzen weiß, dem kann natürlich nichts Besseres einfallen als eine „Videosprechstunde“.

Dr. med. Matthias Frank, 76187 Karlsruhe

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