ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Thomas Sydenham, Rebell am Krankenbett

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Thomas Sydenham, Rebell am Krankenbett

Dtsch Arztebl 2018; 115(12): [60]

Schuchart, Sabine

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Mehr als allen medizinischen Theorien traute er seinen Beobachtungen des Patienten und wurde damit im 17. Jahrhundert zum Begründer der klinischen Empirie. Wie die Hippokratiker der Antike war der englische Arzt davon überzeugt, dass sich die Natur am besten selbst hilft.

Seine Biografen preisen ihn als „Englischen Hippokrates“ und „Vater der englischen Medizin“. Aber dass sich Thomas Sydenham überhaupt der Heilkunst zuwandte, ist einem Zufall zu verdanken: 1642 war in England ein Bürgerkrieg zwischen Parlament und Monarchie ausgebrochen und der 18-jährige Oxford-Student folgte Vater und Brüdern für fast vier Jahre in das Parlamentsheer Cromwells. Ein Ziel für seine Zukunft hatte er danach nicht, geschweige denn den Gedanken, Arzt zu werden. Doch als er einen verwundeten Bruder besuchte, der von Dr. Thomas Coxe behandelt wurde, überredete ihn der angesehene Arzt zum Medizinstudium – der Beginn einer Laufbahn, in der Sydenham im London des 17. Jahrhunderts die gängigen medizinischen Theorien und Praktiken infrage stellte und zahlreiche Krankheitsbilder auf der Basis minuziös aufgezeichneter Symptome beschrieb.

Akribisch erforschte er Fieber- und Infektionskrankheiten, die damals im Sumpfgebiet der Themse grassierten, differenzierte Masern, Pocken und Scharlach. Er erkannte als Erster die Übertragbarkeit von Typhus durch Fliegen und revolutionierte die Chinin-Therapie bei Malaria. 1683 verfasste er seine berühmte Abhandlung zur Gicht, an der er selbst seit mehr als 30 Jahren litt. In einer Zeit, in der Ärzte eher theoretisierten und experimentierten, war er therapieorientiert und verordnete so unorthodoxe Mittel wie Bewegung und frische Luft. Als segensreich für die Entwicklung der Medizin sollten sich seine skeptisch-empirische Grundhaltung, seine auf Erfahrungswissen gegründete vorurteilsfreie Denkweise und seine Bescheidenheit erweisen. Der antike Arzt Hippokrates († um 370 v. Chr.) und der Philosoph Francis Bacon († 1626) waren seine Vorbilder. Von ihnen leitete er seine induktive Forschungsmethodik und sein abwartendes, auf die Selbstheilungskräfte des Patienten vertrauendes Behandlungskonzept ab.

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Bevor er sich als Mediziner entfalten konnte, zog Sydenham allerdings 1651 an der Seite Cromwells ein weiteres Mal in den Krieg. Seine Biografie ist auch ein Spiegel der politischen Umbrüche seiner Zeit. Er wurde 1624 als fünftes von zehn Kindern eines wohlhabenden Grundbesitzers in der Grafschaft Dorset geboren. Nach Bürgerkriegsende 1646 nahm er sein Studium wieder auf und erhielt wegen der Kriegswirren bereits 1648 den Grad eines Bachelor of Medicine. Ein eifriger Student scheint er nicht gewesen zu sein, denn die damalige Medizinausbildung war desolat und Sydenham zu sehr Praktiker. Mehr profitierte er von seinem Einsatz als Wundarzt auf dem Schlachtfeld. 1654, mit 30 Jahren und ausgestattet mit einer Abfindung für seinen Militärdienst, eröffnete Sydenham eine Praxis im Londoner Stadtteil Westminster und heiratete Mary Gee. Sein Assistent war der junge Philosoph und Arzt John Locke, der später berühmt werden sollte. Er sorgte dafür, dass sich Sydenhams Schriften wie die Observationes Medicae, ein Standardlehrbuch der Medizin, auch im Ausland verbreiteten.

Neben seiner prosperierenden Praxis arbeitete Sydenham als Gastarzt an einem Londoner Armenspital. Dort beobachtete er etwa, dass die Todesrate bei Pocken in den mittellosen Bevölkerungsschichten weitaus geringer war als bei den Reichen, was er auf den unterschiedlichen Lebensstil zurückführte. Noch mit 52 Jahren promovierte er 1676 am Pembroke College in Cambridge. In seinen letzten Jahren verschlimmerte sich sein Nieren- und Gichtleiden; er wurde 65 Jahre alt. In der Londoner National Portrait Gallery ist von der englischen Malerin Mary Beale ein Porträt Sydenhams zu sehen, das seine charismatische Persönlichkeit 1689, ein Jahr vor seinem Tod, eindrucksvoll zeigt. Sabine Schuchart

Foto: National Portrait Gallery, London
Foto: National Portrait Gallery, London

1686 beschrieb Thomas Sydenham (1624–1689) in seiner letzten Abhandlung so exakt eine Form des Veitstanzes, dass die neurologische Erkrankung später nach ihm benannt wurde. Die Geschichte der Chorea (griechisch: Tanz) reicht bis ins Mittelalter. Sydenhams Verdienst war es, die infektiöse Variante, Chorea minor, entdeckt zu haben. Einige Wochen nach Streptokokken-Infektionen wie Angina tonsillaris oder Scharlach kommt es, wie später nachgewiesen wurde, zu einer autoimmunbedingten Zweiterkrankung – meist in Verbindung mit Rheumatischem Fieber. Typische Symptome sind Muskelzuckungen im Bereich von Gesicht, Rachen und Extremitäten, betroffen sind vor allem Kinder bis zur Pubertät. Im Gegensatz zur 200 Jahre später von dem New Yorker Arzt George Huntington entdeckten nicht infektiösen, vererbbaren Chorea major, die sich im Erwachsenenalter manifestiert, ist die Sydenham-Chorea reversibel.

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Avatar #670025
nkoh
am Montag, 2. April 2018, 15:33

Typhoid (fever) vs. Typhus

"Er erkannte als Erster die Übertragbarkeit von Typhus durch Fliegen (...)"
Hierbei handelt es sich wohl eher um die Übertragbarkeit von Bakterien der Gattung Rickettsia und durch diese Erreger hervorgerufene Erkrankungen (im engl. je nach Erregertyp mitunter als "typhus" bezeichnet). Die Überträger sind hierbei u.a. Zecken, Läuse, Flöhe und Milben. Typhus im deutschsprachigen Raum (engl. "typhoid" fever) bezeichnet ein durch ein Bakterium aus der Gattung Salmonella verursachtes Erkrankungsbild und wird üblicherweise fäkal-oral übertragen.

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