ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2018Unzureichende Datenlage
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Aus der Sicht eines klinisch tätigen Hämostaseologen und Anästhesisten in einem großen orthopädischen Zentrum mit vorwiegend elektiven Eingriffen stellen die Patienten nach kardiovaskulären Ereignissen, die zum Teil unter langfristiger Gerinnungs- oder Thrombozytenhemmung stehen, eine alltägliche Herausforderung dar.

Für diese Patienten können leider zur prophylaktischen Tranexamsäure(TXA)-Gabe keine konkreten Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Bereits die therapeutische Anwendung bei schweren Blutungen erfordert eine strenge Abwägung zwischen notwendiger Blutungshemmung und den möglichen prothrombotischen Auswirkungen.

Aus diesem Grund kann man unseres Erachtens nicht genug betonen, dass die Patienten mit thromboembolischem Risiko – neben der notwendigen Information über die indikationsüberschreitende Anwendung (Off-Label-Use) – nicht nur eine entsprechende Risikoaufklärung, sondern derzeit auch keine prophylaktische intravenöse Gabe von TXA erhalten sollten.

Bei der großen Anzahl an Studien zum Einsatz von TXA bei orthopädischen Elektivpatienten bleibt festzuhalten, dass diese Risikopatienten von den Studien ausgeschlossen waren. Außerdem waren diese Studien von ihrer Fallzahl nicht darauf ausgelegt, seltene Ereignisse wie postoperative Thrombembolien zu untersuchen.

Zudem fehlen aussagekräftige Studien, die die systemische Pharmakokinetik nach lokaler beziehungsweise topischer Gabe zum Beispiel bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion untersuchten.

Zwar ist es vom Konzept her durchaus nachvollziehbar, dass das allgemeine postoperative Thromboserisiko nach einem endoprothetischen Gelenkersatz durch eine frühzeitige Mobilisierung der Patienten abnimmt (1), aber dann muss der präemptive Einsatz von Tranexamsäure auch in diesem Zusammenhang beurteilt werden.

Erst mit zuverlässigen Daten kann dann die Indikation auch auf thromboembolische Risikopatienten guten Gewissens ausgedehnt werden, denn es gilt: „primum non nocere“.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0220a

Dr. med. Thomas Schachtner

Zentrum für Anaesthesiologie,
Intensivmedizin und Schmerztherapie
Schön Klinik München-Harlaching

tschachtner@schoen-kliniken.de

Prof. Dr. med. Michael Spannagl

Hämostaseologie, Hämophiliezentrum und hämostaseologisches Speziallabor
Abteilung für Transfusionsmedizin, Zelltherapeutika und Hämostaseologie
Klinikum der Universität München

1.
Goldstein M, Feldmann C, Wulf H, Wiesmann T: Tranexamic acid prophylaxis in hip and knee joint replacement. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 824–30 VOLLTEXT
1.Goldstein M, Feldmann C, Wulf H, Wiesmann T: Tranexamic acid prophylaxis in hip and knee joint replacement. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 824–30 VOLLTEXT

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