ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenKardiologie 1/2018Stickstoffdioxid (1): Krankheitsrisiko berechnet

Supplement: Perspektiven der Kardiologie

Stickstoffdioxid (1): Krankheitsrisiko berechnet

Dtsch Arztebl 2018; 115(13): [38]; DOI: 10.3238/PersKardio.2018.03.30.07

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Eine aktuelle Studie des Umweltbundesamts legt zum ersten Mal eine Schätzung der gesundheitlichen Folgen einer Langzeitexposition mit Stickstoffdioxid (NO2) vor, auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Ergebnisse werden in der Fachwelt konträr diskutiert.

Foto: cbies/123RF
Foto: cbies/123RF

Die Lunge ist die Eintrittspforte für die Schadstoffe der Außenluft und damit der primäre Schädigungsort. Es verdichten sich aber die Hinweise auf systemische Wirkungen. Nach einer Studie des Umweltbundesamts führen die Stickstoffdioxid-(NO2-)Konzentrationen in Deutschland zu erheblichen Gesundheitsbelastungen, die nun erstmals quantifiziert worden sind. So lassen sich für das Jahr 2014 statistisch etwa 6 000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die NO2-Hintergrundbelastung im ländlichen und städtischen Raum zurückführen. Dies entspricht rund 49 700 verlorenen Lebensjahren. Die Belastung mit Stickstoffdioxid steht darüber hinaus im Zusammenhang mit Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Schlaganfall, COPD und Asthma.

Anzeige

So zeigt die Studie unter anderem, dass 8 % der bestehenden Diabeteserkrankungen in 2014 auf NO2 in der Außenluft zurückzuführen waren. Dies entspricht etwa 437 000 Krankheitsfällen. Bei bestehenden Asthmaerkrankungen liegt der prozentuale Anteil der Erkrankungen, die auf die Belastung mit NO2 zurückzuführen sind, mit rund 14 % sogar noch höher und entspricht etwa 439 000 Krankheitsfällen.

Hauptquelle von Stickstoffdioxid in Deutschland ist zu zwei Dritteln der Straßenverkehr. Davon kommen etwa drei Viertel aus dem Auspuff von Diesel-Pkws. Insgesamt sind die Stickstoffdioxidemissionen in Deutschland laut Bundesumweltamt zwischen 1990 und 2015 um fast 60 % zurückgegangen. Dennoch sei der EU-Grenzwert in 2016 von maximal 40 μg/m3 Stickstoffdioxid im Jahresmittel an 57 % der verkehrsnahen Messstationen überschritten worden. Die Europäische Umweltagentur geht davon aus, dass jährlich über 10 600 Menschen in Deutschland vorzeitig aufgrund zu hoher Stickstoffdioxidwerte sterben.

„Epidemiologische Studien ermöglichen zwar keine Aussagen über ursächliche Beziehungen. Jedoch liefern sie zahlreiche konsistente Ergebnisse über die statistischen Zusammenhänge zwischen negativen gesundheitlichen Auswirkungen und NO2-Belastungen“, so das Umweltbundesamt. Für die in der Studie verwendeten Modellrechnungen liegen dabei bewusst vorsichtige Annahmen zugrunde: So wurden nur Krankheiten berücksichtigt, die mit hoher Gewissheit in Zusammenhang mit Stickstoffdioxidbelastungen stehen. Werte unterhalb von 10 μg/m3 wurden vernachlässigt, da hier die Assoziation nicht zweifelsfrei bestätigt ist.

Reaktionen der Fachwelt

Es sei üblich, Schätzungen der Krankheitslast sowohl als vorzeitige Todesfälle als auch in Form statistisch verlorener Lebensjahre zu präsentieren, obwohl die verlorenen Lebensjahre die sinnvollere Kennzahl seien, meint Prof. Dr. Bert Brunekreef, Institute for Risk Assessment Sciences, Universität Utrecht: „Dies liegt daran, dass (vorzeitige) Todesfälle, die auf NO2 zurückzuführen sind, nicht quantifiziert werden können. Mit der gleichen Anzahl von verlorenen Lebensjahren kann die Zahl der Todesfälle, zu denen NO2 beigetragen hat, variieren. Das gilt ebenso für Rauchen, Ernährung, Bewegungsmangel und so weiter. Und zwar von einer niedrigen Zahl im unwahrscheinlichen Fall, dass NO2 mehr kardiovaskuläre Todesfälle nur unter den ganz jungen Menschen verursachen würde (die viele Lebensjahre zu verlieren haben), bis zu einer viel höheren Zahl im wahrscheinlichen Fall, dass NO2 zu einer gewissen Verkürzung des Lebens für uns alle beiträgt.“

Dr. Ulrich Franck, Senior Scientist, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig: „Wie verschiedene epidemiologische Studien zeigen, stellt die NO2-Belastung der Außenluft im Verhältnis zu anderen Gesundheitsrisiken ein kleines, aber reales Risiko dar. Die Anzahl vorzeitiger Todesfälle in der Gesamtbevölkerung ist dabei wenig geeignet, die Größe dieses Risikos zu beurteilen, da nichts über den wirklichen Verlust an Lebenszeit ausgesagt wird. Wesentlich aussagekräftiger ist daher die im Durchschnitt je Einwohner verlorene Lebenszeit.“

„Die vorgestellte Metastudie weist für die am stärksten beeinflussten kardiovaskulären Erkrankungen einen mittleren Lebenszeitverlust im Jahr 2014 von circa 8 Stunden aus. Für alle betrachteten Erkrankungen liegt er in der Summe bei circa 19 Stunden. Da NO2-Belastungen nicht überall gleich verteilt sind, vor allem aber, weil zum Beipspiel Vorerkrankungen und individuelle Unterschiede in der Empfindlichkeit eine Rolle spielen, sind viele Bürger nahezu nicht, einzelne Gruppen aber stärker betroffen.“ Trotzdem sei Feinstaub in der Atemluft mit einem deutlich höheren Lebenszeitverlust verbunden, sodass es sinnvoll scheint, bei beschränkten Mitteln und Möglichkeiten das Hauptaugenmerk auf die Reduzierung der Feinstaubbelastung und danach auf NO2 zu richten.

Lebensstilfaktoren fehlen

Nach Ansicht von Dr. Tamara Schikowski vom Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung, Düsseldorf, ist die gleichzeitige Angabe von vorzeitigen Todesfällen und verlorenen Lebensjahren sinnvoll. Kritisch an solchen Analysen sei, dass man keine Informationen zu anderen Faktoren habe, die vielleicht einen stärken Einfluss auf den vorzeitigen Tod hatten als NO2 aus dem Straßenverkehr – zum Beispiel Rauchen, Übergewicht oder andere Lebensstilfaktoren. „Hinzu kommt, dass es schön gewesen wäre, wenn man nicht nur den Zusammenhang mit NO2 zeigen würde, sondern auch mit anderen Luftschadstoffen wie Feinstaub oder Ruß, damit man die Ergebnisse besser hätte einschätzen können.“

Auch für Prof. Dr. med. Köhler, der von 2002 bis 2007 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie war, ist ein Manko der Studie, dass die Lebensgewohnheiten und der gesundheitliche Zustand der untersuchten Personen nicht einbezogen worden sind. Allgemein gelte für epidemiologische Studien eine große Wahrscheinlichkeit, dass ein konstanter Störfaktor mitgeschleppt werde. „Man kann die Studie relativ einfach dadurch widerlegen, dass man die NO2-Menge im Zigarettenrauch als Vergleich nimmt“, sagt Köhler im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Die liege bei rund 500 μg (also 500 Millionstel) pro Zigarette. „Nimmt man zur Konzentrationsberechnung ein Atemvolumen beim Rauchen einer Zigarette von 10 Litern an, so inhaliert man 50 000 μg pro Kubikmeter Luft. Bei einer Packung am Tag wäre das 1 Million Mikrogramm“, rechnet Köhler vor. „Selbst wenn nur die halbe Zigarette geraucht würde, hätte der Raucher im Vergleich zu einem Nichtraucher, der lebenslang die Grenzdosis von 40 μg NO2 pro Kubikmeter Luft einatmen würde, bereits nach wenigen Tagen die gleiche Dosis.“ Köhlers Fazit: „Demnach müssten, so wie das UBA rechnet, nach 1–2 Monaten alle Raucher allein durch das NO2 gestorben sein.“

Die Kritik spiegelt sich auch in zahlreichen Blogs wider. Dazu exemplarisch aus DocCheck: „Mit seinen aktuellen Zahlen blendet das Umweltbundesamt jegliche multifaktoriellen und multivariablen Ursachen beziehungsweise speziell auch Braunkohlenstaub, Rußabgase, Feinstaub, Schwefeldioxid (SO2), Kohlendioxid (CO2), polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK/PAH), Kohlenmonoxid (CO) und anderes vollständig aus“, meint Dr. med. Thomas Georg Schätzler, Dortmund.

Luftqualität hat sich verbessert

Die Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid (NO2) ist 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Die Zahl der Kommunen mit Grenzwertüberschreitungen nahm nach erster Schätzung von 90 auf 70 ab. Das zeigt die Auswertung der vorläufigen Messdaten der Länder und des Umweltbundesamts. Dennoch: An rund 46 % der verkehrsnahen Messstationen wurde der Grenzwert von 40 µg/m³ im Jahresmittel überschritten, an zwei Drittel dieser Stationen mit Werten von mehr als 45 µg/m3 sogar deutlich.

2017 gehörte zu den am geringsten mit Feinstaub belasteten Jahren. Nur an der verkehrsnahen Messstation am Stuttgarter Neckartor wurde mit 45 Tagen erneut der Grenzwert überschritten (PM10-Tagesmittelwerte über 50 µg/m³ an mehr als 35 Tagen im Jahr). Allerdings sollen laut Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) die Werte an höchstens 3 Tagen pro Jahr über 50 µg/m³ liegen. Dieses Ziel überschreiten 87 % aller Messstationen in Deutschland.

DOI: 10.3238/PersKardio.2018.03.30.07

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

1.
Schneider A, Cyrys J, Breitner S, et al.: Wie sehr beeinträchtigt Stickstoffdioxid (NO2) die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland? Umwelt & Gesundheit 01/2018 .
2.
http://news.doccheck.com/de/204500/studien-sektion-gefaehrliche-stickoxide/.
1.Schneider A, Cyrys J, Breitner S, et al.: Wie sehr beeinträchtigt Stickstoffdioxid (NO2) die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland? Umwelt & Gesundheit 01/2018 .
2.http://news.doccheck.com/de/204500/studien-sektion-gefaehrliche-stickoxide/.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige